Tschetschenien
Präsident Kadyrow: Prolet oder Prophet?

In Tschetschenien lässt Wladimir Putin Ex-Warlord Ramsan Kadyrow ein autoritäres Regime aufbauen. Doch das organisierte Verbrechen bekommt er nicht in den Griff.

GROSNY. Auf einem schlammigen Acker bei Grosny versammelt sich Tschetscheniens Elite. Bürgermeister, Minister, Unternehmer, ein russischer General – mit Schlips und Kragen warten sie auf dem roten Teppich. Auf der Wiese beginnt heute der Bau einer Wurstfabrik mit 330 neuen Jobs. Fehlt nur noch der, der den ersten Spatenstich setzt.

Vier schwarze Limousinen rasen heran. Vorneweg ein Lexus LX 570. An der Toreinfahrt schlägt das Heck aus. Matsch spritzt. Der Fahrer steuert schnurstracks auf die Besucher zu und bringt den Wagen Zentimeter vor den Füßen des Moskauer Wurstfabrikanten zum Stehen. Der lächelt gequält.

Die Tür geht auf, grinsend steigt der vollbärtige Fahrer aus: Ramsan Kadyrow, der Präsident der Republik Tschetschenien.

Auf die meisten Russen wirkt er zwar wie ein Prolet. Für Tschetschenen aber ist Kadyrow ein Prophet und Volkstribun, der Hoffnungsträger eines leidgeprüften Volkes. Als strenger Moslem passt er in das enge Wertekorsett der islamischen Republik. Er betet täglich in der neuen Moschee, trinkt nicht, raucht nicht. Er gilt als Garant für Frieden, den sich eine Million Einwohner nach zwei blutigen Unabhängigkeitskriegen mit mehr als 200 000 Opfern sehnlich wünscht. Und er ist es, der das zerstörte Land wieder aufbaut. Glauben die Tschetschenen.

Kadyrow, 32, ist die Schlüsselfigur in Wladimir Putins Krisenkonzept fürs Pulverfass Kaukasus: Russlands Premier lässt Kadyrow ein islamisch-totalitäres Regime errichten, finanziert mit großzügiger Entwicklungshilfe aus der Hauptstadt. So hofft der Premierminister, die explosivste aller Kaukasusrepubliken stabil zu halten. Vor kurzem hat Russland damit begonnen, 20 000 Soldaten aus Tschetschenien abzuziehen, das Land gänzlich Kadyrow zu überlassen. Der, seit zwei Jahren im Amt, schwört sein Volk derweil auf eine einfache Formel ein: Wenn wir fest zu „unserem Retter“ Putin stehen, wird Tschetschenien aufblühen.

Tatsächlich schafft es der Provinzfürst, die Bevölkerung bei Laune zu halten. Und er hält die islamistischen Separatisten, die sich in den Bergen rund um Grosny verschanzen und vereinzelt Zulauf von verarmten Dörflern bekommen, mit seiner 20 000 Mann starken Provinzarmee in Schach. Dennoch regiert weiterhin das organisierte Verbrechen. Voriges Jahr gab es 118 Sprengstoffanschläge. Es kommt zu Morden im In- und Ausland. Kürzlich wurden in Wien, Berlin und Istanbul Auftragsmorde an Ex-Separatisten verübt. In Moskau starb der frühere Vize-Bürgermeister von Grosny per Kopfschuss. Vergangenes Jahr gab es in Tschetschenien nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Memorial 42 Entführungen. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. In Tschetschenien herrscht unter Kadyrow ein Regime, das Angst stiftet – und sich Vertrauen mit Putins Milliarden für den Wiederaufbau erkauft.

Der Schrecken des Kriegs hat Grosny verlassen. Einschusslöcher an den Fassaden wurden verputzt. Rund um den einst umkämpften „Minutka“-Platz wurden Kriegsruinen geschleift. Riesige Holzwände schirmen die Brachen ab. Einzig entlang den Ausfallstraßen finden sich noch zerschossene Gebäude. In den Wiederaufbau floss 2008 ein Großteil des Republikhaushalts von rund 800 Millionen Euro.

Noch vor vier Jahren glich Grosny einer Geisterstadt, obwohl die Russen den Krieg im Jahr 2000 für beendet erklärt hatten. Doch als Präsident machte Putin für den Wiederaufbau jahrelang keinen müden Rubel locker. Dann flog er der Legende nach im Jahr 2004 im Hubschrauber über Grosny und war so schockiert, dass er erste Finanzspritzen setzte. Nun schwärmt Ramsan Kadyrow: „Putin ist ein Geschenk Gottes, er hat uns Frieden gebracht.“

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