Türkei
Armenischer Patriarch stellt sich auf Erdogans Seite

Rückendeckung für den türkischen Präsidenten: Das religiöse Oberhaupt der Armenier in der Türkei kritisiert die Völkermord-Resolution des Bundestags. Armenisch-stämmige in der Türkei sind davon wenig begeistert.

ZürichRecep Tayyip Erdogan ist außer sich. Die Resolution des Deutschen Bundestages, die Tötung hunderttausender Armenier im Osmanischen Reich vor gut 100 Jahren als Völkermord zu deklarieren, hat den türkischen Präsidenten auf die Barrikaden gebracht. Er kritisierte offen Bundeskanzlerin Merkel, drohte türkischstämmigen Abgeordneten im Berliner Parlament und forderte sogar Bluttests von ihnen. „Niemand, in dessen Adern das Blut dieser Nation fließt, kann diese Nation mit dem sogenannten Völkermord beschuldigen“, fauchte Erdogan nach der Resolution.

Jetzt erhält das aufgebrachte Staatsoberhaupt überraschende Unterstützung. Der Armenische Patriarch in Istanbul, Erzbischof Aram Ateşyan, kritisierte die Entscheidung des Bundestags nun öffentlich und bekundete seine „tiefe Trauer“ über die Völkermord-Resolution.

In einem persönlichen Schreiben an Erdogan erklärte Ateşyan: „Wie wir es bereits viele Male zuvor gesagt hatten, ist es wirklich traurig, dass jener Schmerz, der ein Trauma im armenischen Volk ausgelöst hat, nun in der politischen Arena missbraucht wird.“ Viele Medien in der Türkei griffen die Korrespondenz der beiden Männer auf.

Weiter erklärte der Erzbischof, es sei inakzeptabel für deutsche Volksvertreter, zu einem Thema Meinungen zu äußern oder Gesetze zu verabschieden, das nichts mit dem deutschen Volk zu tun habe. Fakt ist: Das Deutsche Reich war damals indirekt an den Massenvertreibungen und Ermordungen beteiligt gewesen. Deutsche Militärbeobachter, die im Osmanischen Reich stationiert waren, unterließen damals eine Einmischung.

In der Türkei sind die Tötungen, die oft als „tragische Ereignisse von 1915“ tituliert werden, ein Reizthema. Offiziell erkennt Ankara die brutalen Deportationen sowie die Todesfälle hunderttausender Armenier an, will aber nicht von einem Völkermord sprechen. Die Regierung des Osmanischen Reiches hatte die Deportation der Armenier beschlossen, nachdem sich armenische Milizen mit Russland verbündet hatten, die von Osten her in osmanische Gebiete vorrückten. Im Jahr 2009 stimmte die Regierung Erdogans zu, eine Historikerkommission zu bilden, welche die Vorfälle untersuchen und schließlich klassifizieren sollte.

Das politische Verhältnis zwischen den beiden Ländern darf man getrost als gespalten bezeichnen. Einerseits war die Türkei der erste Staat, der im Jahr 1991 die Unabhängigkeit Armeniens von der Sowjetunion akzeptierte. Andererseits unterstützte Ankara anschließend im sogenannten Bergkarabach-Konflikt das gemeinsame Nachbarland Aserbaidschan. Bis heute unterhält die Türkei enge Beziehungen zum Erzfeind der Armenier.

Ein Wendepunkt markiert das Jahr 2007, als der armenisch-stämmige Journalist Hrant Dink mitten in Istanbul erschossen worden war. Der Mord beendete das Schweigen in dem lange schwelenden Streit und setzte eine öffentliche Debatte in der Türkei über das Verhältnis mit Armenien und den Armeniern im eigenen Land aus. Erdogan, damals noch Ministerpräsident, stellte die Ermordung Dinks mit „Schüssen auf die Türkei“ gleich. An der Beerdigung nahm er allerdings nicht teil, weil er eine Autobahn eröffnen musste. Medien spekulierten damals, dass er den Mord nur verurteilte, um im selben Jahr eine Parlamentswahl zu gewinnen. Der damalige Präsident des Landes, Abdullah Gül, besuchte daraufhin als erster türkischer Staatschef Armenien. Im Oktober 2009 stimmten Ankara und Eriwan schließlich zu, sich gegenseitig diplomatisch anzuerkennen.

Der armenische Staat will offiziell, dass die massenhaften Erschießungen im Jahr 1915 auch von der Türkei anerkannt werden. Umso überraschender der Schritt des Patriarchen in Istanbul. Ateşyan ist dort eigentlich der stellvertretende armenische Patriarch von Konstantinopel. Derzeit führt er als amtierendes Oberhaupt die armenisch-apostolische Kirche in dem Land, da der Amtsinhaber Mesrob Mutafyan schwer erkrankt ist.

Ateşyan unterstreicht in seinem Brief an Erdogan, dass die beiden Völker aufeinander angewiesen seien: „Diese beiden benachbarten Völker sollten nicht mit Hass- und Feindschaftdiskursen voneinander entfernt werden“, schrieb er laut Medienberichten. „Anstatt die Geschichte zu politisieren, sollte auf Freundschaft und Frieden hingearbeitet werden.”

Die armenisch-türkische Wochenzeitung Agos hingegen kritisiert die Haltung des Patriarchen. Das Blatt erscheint in der Türkei auf türkisch und armenisch – einer ihrer profiliertesten Journalisten war der ermordete Hrant Dink. Nun veröffentlichte Agos ihrerseits einen Brief. Er ist wiederum an den Patriarchen gerichtet. Darin betonen die Redakteure sowohl ihre Trauer als auch Wut über die Anbiederung an den Präsidenten.

„Wir beten zu Gott“, richten sie das Wort den Patriarchen, „dass er ihrer Hohen Persönlichkeit Vernunft, Ideenreichtum und Erkenntnis schenken möge“. Der Patriarch hätte geschrieben, er würde selbst zu Gott beten, damit er den Repräsentanten des Staates, die den Menschen unseres Landes nützliche Dienste erweisen, viel Erfolg brächte. „Und das in einer Zeit, in der fast bürgerkriegsähnliche Zustände herrschen und jeden Tage Menschen sterben.”

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