Türkei
Gül bevorzugt religiöse Uni-Rektoren

Nur zehn Tage, nachdem die türkische Regierungspartei AKP knapp einem Verbot wegen angeblicher islamistischer Bestrebungen entgangen ist, bricht die Kontroverse um die Trennung von Staat und Religion in der Türkei wieder auf: Staatspräsident Abdullah Gül hat sich geweigert, regierungskritische Akademiker zu Universitätsrektoren zu ernennen.

ATHEN. Bei der Berufung neuer Universitätsrektoren hat Staatspräsident Abdullah Gül mehreren regierungskritischen Akademikern die Ernennung verweigert. Er gab solchen Professoren den Vorzug, die als Parteigänger der AKP gelten. In Istanbul sorgten am Donnerstag zudem mehrere Explosionen für Unruhe. Die Polizei vermutet einen terroristischen Hintergrund.

Gül musste diese Woche über die Besetzung von 21 vakanten Rektorenstellen entscheiden. In neun Fällen setzte sich der Präsident dabei über die Abstimmungsergebnisse der Lehrkörper der betreffenden Hochschulen hinweg und berief nicht die Bewerber, die die meisten Stimmen erhalten hatten. Unter den Akademikern, denen der Staatschef die Ernennung verweigerte, ist auch der bisherige Rektor der Akdeniz Universität in Antalya, Mustafa Akaydin. Er hatte die islamisch-konservative Regierung von Ministerpräsident Tayyip Erdogan wegen ihrer Pläne zur Aufhebung des Kopftuchverbots an den türkischen Universitäten heftig kritisiert. "Mein Eintreten für die Werte der säkularen Republik hat sich als Hypothek erwiesen", kommentierte Akaydin seine Abfuhr. "Jetzt zahle ich den Preis für die Kopftuch-Entscheidung."

Das türkische Verfassungsgericht hatte im Juni die Pläne der Regierung zur Legalisierung des Kopftuches als verfassungswidrig gestoppt. Die Kopftuch-Pläne waren der Auslöser für den Verbotsantrag des türkischen Generalstaatsanwalts gegen die Regierungspartei. Das Verfahren endete vergangenen Mittwoch gerade noch mal glimpflich für die AKP: Sechs der elf Verfassungsrichter stimmten für ein Verbot - für eine Schließung der Partei wären mindestens sieben Stimmen erforderlich gewesen.

Zur neuen Rektorin der Dicle Universität in Diyarbakir berief Gül die Professorin Jale Sarac, die 2007 auf der Liste der AKP erfolglos für einen Parlamentssitz kandidiert hatte. Auf Widerspruch stößt auch Güls Berufung von Muhammed Sahin zum neuen Rektor der renommierten Technischen Universität Istanbul (ITÜ). Sahin hatte bei den Wahlen im Lehrkörper 209 Stimmen erhalten, der bisherige Rektor Faruk Karadogan jedoch 362. Vor allem an der ITÜ herrscht jetzt wachsende Unruhe. Aus Protest gegen Güls Berufungen erklärten seit Mittwoch bereits 16 Professoren und Dekane der ITÜ und zweier weiterer Universitäten ihren Rücktritt.

Der Oppositionspolitiker Mustafa Özyürek warf Gül vor, er habe "alle Professoren eliminiert, die sich gegen die Zulassung des Kopftuchs ausgesprochen haben". Gül gehörte in den 90er-Jahren der später verbotenen fundamentalistischen Wohlfahrtspartei an, war 2001 Gründungsmitglied der AKP und amtierte später als Premier- und Außenminister. Seine Kandidatur für das Präsidentenamt war Anfang 2007 der Auftakt zu jener schweren innenpolitischen Krise, die jetzt mit dem Verbotsverfahren gegen die AKP ihren Höhepunkt erreichte. Der Vorsitzende des Verfassungsgerichts hatte das Verfahren als "ernste Warnung" an die Partei beschrieben.

Seite 1:

Gül bevorzugt religiöse Uni-Rektoren

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%