Türkei
Immer noch Alkohol im Palast in Ankara

Als der gewendete Islamist Abdullah Gül vor vier Wochen das Amt des türkischen Staatspräsidenten antrat, sahen manche das Ende der Republik hinaufdämmern. Sichtbar zumindest hat sich jedoch wenig geändert: Noch gibt es Schnaps und Champagner in Cankaya, und noch sind keine Kopftücher zu sehen.

ANKARA. Hängen die Atatürk-Bilder noch? Und was gab es zu trinken? Wer in diesen Tage eine Einladung nach Cankaya ergattert – in den Amtssitz des türkischen Staatspräsidenten im gleichnamigen Stadtteil Ankaras –, wird am nächsten Tag mit Fragen bombardiert. Ja, die Porträts des Staatsgründers hängen selbstverständlich noch, auch alle seine Büsten sind am angestammten Platz. Und die Getränke: Neben Softdrinks werden weiterhin auch Wein und Champagner, Whisky, Wodka und Gin ausgeschenkt – für die Ungläubigen.

Das nun wiederum ist gar keine Selbstverständlichkeit. Denn schließlich hat Cankaya einen neuen Hausherren: Vor vier Wochen trat Abdullah Gül das Amt des Staatspräsidenten an. Manche sahen mit der Wahl des gewendeten Fundamentalisten zum Staatsoberhaupt bereits das Ende der Republik heraufdämmern: Cankaya, seit den Tagen des Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk eine Bastion der westlich orientierten Elite und des Militärs, werde nun zu einem Brückenkopf der islamischen Unterwanderung des Landes, fürchteten sie.

Eine Cankaya-Besuchern häufig gestellte Frage ist deshalb jetzt auch: Haben Sie Frau Gül gesehen? Hayrünnisa Gül, die neue First Lady, ist wegen ihres Türban, des islamischen Kopftuchs, in den vergangenen Monaten zur Symbolfigur der vermeintlichen muslimischen Gefahr geworden. Auf den bisher vom neuen Präsidenten ausgerichteten Empfängen wurde Frau Gül allerdings nicht gesichtet. Auch andere Kopftuchträgerinnen, wie etwa Emine Erdogan, die „bedeckte“ Gattin des Premiers Tayyip Erdogan, traten nicht in Erscheinung. Was das betrifft, hat sich gegenüber den Usancen unter Güls Amtsvorgänger Ahmet Necdet Sezer, einem strengen Verfechter der Trennung von Staat und Religion, nichts geändert. Dem kam keine Frau mit Kopftuch ins Haus.

Aber was nicht ist, kann ja noch werden. Als man Gül neulich bei einem Empfang fragte, wo denn seine Gattin sei, sagte er, sie habe nicht teilnehmen wollen. Der Präsident beeilte sich aber zu versichern, die First Lady werde durchaus bei künftigen Anlässen erscheinen: „Sie ist keine Frau, die im Schatten bleiben wird.“ Solche Ankündigungen bestätigen Güls Gegner nur in ihrem Argwohn. Klar doch: Gül, Erdogan und ihre Freunde in der islamisch-konservativen Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei lassen es langsam angehen. Noch gibt es Schnaps und Champagner in Cankaya, noch sind keine Kopftücher zu sehen. Aber das ist alles nur „Takkiye“, sagen Güls Gegner. Das Wort beschreibt die Kunst, sich anders zu zeigen, als man ist, und die Ungläubigen über seine wahren Absichten hinwegzutäuschen.

Was wirklich hinter den Mauern von Cankaya vorgeht, können die Türken übrigens demnächst selbst in Augenschein nehmen. Diese Woche führte Güls Pressesprecher Ahmet Sever bereits eine Gruppe von rund 100 Journalisten durch das weitläufige Gebäude, das bisher größtenteils für die Presse und die Öffentlichkeit gesperrt war. Demnächst soll es Besichtigungen für interessierte Bürger geben. Das einfache Volk – womöglich gar Kopftuchträgerinnen – im Allerheiligsten, dem einstigen Amtssitz Atatürks: Diese Vorstellung dürfte vor allem manchen Generälen ein Gräuel sein.

Bevor es so weit ist, wird erst noch renoviert. Deswegen sind auch die Güls noch gar nicht richtig eingezogen. Aber lohnen sich die Malerarbeiten überhaupt? Oder muss der neue Präsident schon in einigen Wochen wieder ausziehen? Dieses Szenario diskutieren jetzt manche Oppositionspolitiker. Denn am 21. Oktober sollen die Türken in einer Volksabstimmung über eine Verfassungsänderung entscheiden, die eine Direktwahl des Präsidenten vorsieht. Umfragen zufolge wird die Vorlage eine große Mehrheit finden. Auf den Weg gebracht wurde das Referendum von der Regierung im Frühjahr, als Güls erster Anlauf zur Präsidentschaft im damaligen Parlament gescheitert war. Inzwischen wurde ein neues Parlament gewählt, das seinerseits Gül zum 11. Präsidenten der Republik kürte. In der Verfassungsänderung steht aber: „Der 11. Präsident der Republik wird direkt vom Volk gewählt.“

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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