Türkei
Krisengewinner im neuen Ost-West-Konflikt

Während die Gräben zwischen dem Westen und Russland immer tiefer werden, profitiert die Türkei: Kremlchef Putin kündigt das Aus für South Stream an – und der türkische Präsident Erdogan nutzt das zu seinem Vorteil.
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Für Wladimir Putin mag es eine Niederlage sein, für Recep Tayyip Erdogan dagegen ist es ein Erfolg: Mit dem Aus für das russische Pipeline-Projekt South Stream eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Türkei, ihre Rolle als Drehscheibe für Europas Energieversorgung zu stärken.

Dass Kremlchef Putin seinen Besuch beim türkischen Präsidenten Erdogan in Ankara nutzte, um am Montagabend das Ende des South Stream-Vorhabens zu verkünden, hatte gute Gründe: Hier konnte er das Desaster wenigstens etwas kaschieren, nämlich mit der gleichzeitigen Ankündigung neuer, gemeinsamer Gas-Projekte mit der Türkei.

Ein trotziger Unterton war allerdings nicht zu überhören, als Putin das South Stream-Vorhaben beerdigte: Wenn die EU die Pipeline partout nicht wolle, dann werde sie eben nicht gebaut – auch wenn das zum Schaden Europas sei, wie der russische Präsident unterstrich. Russland werde sein Gas dann eben anderswo auf der Welt verkaufen – gemeint sein dürfte China.

Kein Wunder, dass Putin sauer ist: Russland hat in das South Stream-Projekt bereits geschätzt fast zehn Milliarden Dollar investiert – ein Milliardengrab. „Das war’s, das Projekt ist beendet“ sagte der mit Putin nach Ankara gereiste Gazprom-Chef Alexei Miller. Die Aufgabe des Vorhabens ist für den russischen Staatskonzern ein herber Rückschlag bei dem Versuch, seine Dominanz auf dem europäischen Gasmarkt zu zementieren.

Putins Ankündigung in Ankara war zwar unerwartet. Wirklich überraschend kam die Entscheidung aber nicht. Bereits vor zwei Wochen hatte die italienische Wirtschaftsministerin Federica Guidi erklärt, South Stream sei „nicht länger eine Priorität“ – ein deutlicher Hinweis, zumal der italienische Staatskonzern Eni an dem Projekt beteiligt war. Die geplante Leitung sei zwar „ein nützliches Stück Infrastruktur“, habe aber „wohl keinen Vorrang mehr“, so Guidi. Seit langem gab es wachsende Zweifel an dem auf 40 Milliarden Dollar veranschlagten Projekt – wegen der Ukraine-Krise, der Finanzierungsengpässe in Moskau, aber auch vor dem Hintergrund einer rückläufigen Gas-Nachfrage in Europa und fallender Preise.

Der türkische Präsident Erdogan kann das Aus für South Stream verschmerzen. Es dürfte ihn sogar freuen. Denn entgegen früher in Ankara gehegten Hoffnungen sollte die Rohrleitung an der Türkei vorbeiführen und von Russland quer durchs Schwarze Meer direkt nach Bulgarien verlaufen. Sie hätte dabei zwar türkische Hoheitsgewässer durchquert, aber nicht das Festland berührt.

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  • Wessen Interessen Petro Poroschenko dient, zeigt sich in seiner Wahl der Minister in der neuen ukrainischen Regierung. Wer angesichts dieser Fakten noch leugnet, dass die USA eine wichtige Rolle in diesem Spiel innehaben, dem ist kaum mehr zu helfen.
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    Im Eilverfahren waren die drei Ausländer eingebürgert und zu Ministern ernannt worden. Neben Jaresko erhielten auch der Georgier Alexander Kwitaschwili und der Litauer Aivaras Abromavicius per Präsidentenerlass die Staatsbürgerschaft. Das teilte das Büro von Staatschef Petro Poroschenko am Dienstag in Kiew mit.
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    Jaresko hatte über 20 Jahre lang in der Ukraine gearbeitet und davor mehrere Posten im US-Aussenministerium bekleidet. Abromavicius, bislang Partner der Investment-Firma East Capital, leitet das Wirtschaftsressort, Kwitaschwili wird Gesundheitsminister.

  • Russlands Entscheidungen im Bereich der Rohstoffversorgung ist als Reaktion auf eine breite und unnachgiebige Sanktionspolitik des Westens zu sehen.
    Russland wendet sich nun definitiv vom Rohstoff hungrigen Westen ab. Bisher hat dieses Geschäft über Jahrzehnte bestens funktioniert.
    Auf der Suche nach alternativen Absatzmärkten findet der Kreml im Osten, Süden (Staatsbesuch in der knapp 80 Millionen Einwohner zählenden Türkei), China oder bei den übrigen BRICS-Mitgliedern genügend Partner.
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    ZU UNSEREN LASTEN !!!!

  • Unsere Übersee-Statthalterin in Berlin hat uns zusammen mit Ihren Chefs ein schönes Süppchen angerührt.
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    Unsere Wirtschaft und Arbeitsplätze höchst gefährdet !!
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    Und nun höre ich gerade, dass in der Westukraine offenbar ein Atommeiler vor einer Katastrophe steht und das unfähige Personal der Ukraine dort zu Werke ist.
    Da können wir in Europa auch noch schöne atomare Verstrahlungen erwarten !!
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    Wann werden wir endlich auf die Strassen gehen und zeigen, dass WIR DAS VOLK SIND ???

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