Türkei
Morde werfen Schlaglicht auf Religionsfreiheit

Der Mordanschlag auf drei Mitarbeiter eines christlichen Verlages in Malatya hat neue Debatten über die Religionsfreiheit in der Türkei ausgelöst. Damit gerät auch Premier Tayyip Erdogan, dem Ambitionen auf das Amt des Staatspräsidenten nachgesagt werden, in die Kritik.

ISTANBUL. Führende türkische Politiker und die EU-Kommission haben den Mordanschlag auf drei Mitarbeiter eines christlichen Verlages verurteilt. Das Massaker in der südostanatolischen Stadt Malatya habe aber keine direkten Auswirkungen auf die EU-Beitrittsgespräche mit Ankara, sagte eine Kommissionssprecherin gestern. Die türkische Polizei fahndet nach möglichen Hintermännern der fünf Attentäter, die am Mittwoch drei Mitarbeiter eines Bibel-Verlages, darunter ein 46-jähriger Deutscher umgebracht hatten.

Die Mörder hatten ihre Opfer zunächst gefesselt und ihnen dann die Kehlen durchgeschnitten – „um den Feinden des Islam eine Lehre zu erteilen“, wie die noch am Tatort festgenommenen Verdächtigen der Polizei erklärten. Das Verbrechen löste neue Debatten über die Religionsfreiheit in der Türkei aus. Damit gerät auch Premier Tayyip Erdogan, dem Ambitionen auf das Amt des Staatspräsidenten nachgesagt werden, in die Kritik.

Die fünf jungen Männer, die das Massaker anrichteten, haben möglicherweise nicht auf eigene Faust gehandelt. Die Polizei nahm gestern fünf weitere Verdächtige fest, die an der Vorbereitung des Verbrechens beteiligt gewesen sein könnten. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf das Umfeld der mutmaßlichen Täter, die gemeinsam im Wohnheim einer islamischen Stiftung lebten. Jeder von ihnen trug einen Brief bei sich, in dem sie sich als „Brüder“ bezeichneten, die gemeinsam für ihre Religion in den Tod gehen. Die Fahnder untersuchen jetzt auch mögliche Verbindungen der Täter zur türkischen Hisbollah, einer kurdisch-islamistischen Untergrundorganisation, die für einen islamischen Staat in der Südosttürkei kämpft und in den vergangenen Jahren bereits zahlreiche Menschen ermordet hat. Ermittler beobachten seit einiger Zeit zunehmende Aktivitäten der Gruppe.

Premier Erdogan äußerte sich „tief betroffen“, dass die Türkei Schauplatz eines solchen Verbrechens geworden sei und versprach „alle Anstrengungen, Licht in den Fall zu bringen“. Außenminister Abdullah Gül verurteilte die Tat „auf das Schärfste“ und sagte: „Es bereitet uns großes Unbehagen, dass das Ansehen unseres Landes im Ausland beschädigt wird.,“ Selbstkritisch äußerten sich manche türkische Medien. So schrieb der Chefredakteur der großen türkischen Zeitung „Hürriyet“, Ertugrul Özkök, die Türkei habe für das Verbrechen eine „kollektive Verantwortung“, weil sie bewaffneten Fanatikern das Feld überlasse.

Für Premier Erdogan kommt das offensichtlich religiös motivierte Verbrechen in mehrfacher Hinsicht zur Unzeit. Die Gegner des Premiers, der sich möglicherweise kommende Woche um das Präsidentenamt bewerben wird, werfen ihm vor, islamistische Tendenzen zu fördern. Auch außenpolitisch droht Erdogan Ungemach: Erst am Dienstag hatte die Regierung ein Sieben-Jahres-Programm vorgestellt, mit dem das Land bis 2014 für den EU-Beitritt fit gemacht werden soll. Nun haben die Morde von Malatya die Diskussion über die mangelnde Religionsfreiheit in der Türkei neu entfacht. Die Sprecherin der EU-Kommission sagte gestern, jeder EU-Beitrittskandidat müsse „die Menschenrechte respektieren, darunter die Religionsfreiheit – und dies wird von der Kommission sorgfältig beobachtet.“

In der Türkei, deren 73 Millionen Einwohner zu über 99 Prozent Muslime sind, leben nur etwas mehr als 100 000 Christen. Ihre Gemeinden sind jedoch praktisch rechtlos. Die EU mahnt seit Jahren mehr Religionsfreiheit und einen gesicherten Rechtsstatus für die nicht-muslimischen Kirchen in der Türkei an. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das Thema in Gesprächen mit Erdogan mehrfach zur Sprache gebracht.

Merkels Mahnungen blieben aber bisher ebenso folgenlos wie die Appelle Papst Benedikts XVI., der bei seinem historischen Türkeibesuch im Dezember 2006 ebenfalls mehr Religionsfreiheit für die türkischen Christen eingefordert hatte. Nachdem bereits im vergangenen Jahr ein katholischer Geistlicher ermordet und zwei weitere Priester von islamischen Fanatikern angegriffen wurden, hat das Massaker von Malatya unter den ohnehin eingeschüchterten Christen in der Türkei neue Ängste ausgelöst. Ihsan Özbek, der Vorsitzende des Verbandes protestantischer Freikirchen in Ankara, sprach gestern von einer „Hexenjagd wie im Mittelalter“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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