Türkei nach dem Putschversuch
Die „schwarze Liste“ des Recep Tayyip Erdogan

Ein Konto bei der falschen Bank? Das reicht in der Türkei schon, um mit der Gülen-Bewegung und dem Putschversuch in Verbindung gebracht zu werden. Tausende Türken fürchten um ihre Zukunft. Ein Stimmungsbericht.

IstanbulDer Istanbuler Sportlehrer Uygar Özdemir war im Urlaub, als die schockierende Mitteilung eintraf. Er stehe im Verdacht, eine Terrororganisation finanziell unterstützt und für sie in den sozialen Medien geworben zu haben, hieß es darin, und daher sei er nun von seinem Schuljob suspendiert.

„Am Anfang war ich sehr überrascht. Ich dachte, wie kann das möglich sein? Ich konnte nicht glauben, dass ich mit einer Organisation in Verbindung gebracht werde, mit der ich niemals in meinem Leben etwas zu tun hatte“, schildert der 36-Jährige. Er sei als Erwachsener nicht einmal in einer Moschee gewesen, geschweige denn Anhänger eines dubiosen religiösen Geistlichen.

Özdemir ist in das riesige Schleppnetz der türkischen Regierung geraten, das darauf abzielt, Gefolgsleuten des Islam-Predigers Fetullah Gülen das Handwerk zu legen. Dem Kleriker, der in den USA im Exil lebt, wird vorgeworfen, Drahtzieher des gescheiterten Militärputsches vom 15. Juli gewesen zu sein. Gülen bestreitet das energisch.

Die nach dem Putschversuch eingeleitete Welle der „Säuberungen“ zur Ausrottung der von der Türkei als Terrororganisation eingestuften Gülen-Bewegung hat auch vor den Lehrern nicht haltgemacht. Mehr als 20.000 sind von ihrem Dienst an öffentlichen Schulen suspendiert worden, Tausende private Lehrer haben ihre Arbeit verloren.

So erhielt auch die 37-Jährige Seyda Kara in der Küstenstadt Izmir eine ähnliche Mitteilung wie Özdemir. Das amtliche Schreiben fiel ihr aus der Hand, als sie es las – so groß war der Schock. Beide versichern, dass sie nichts mit Gülen zu tun hätten, dessen Bewegung in vielen Teilen der Welt wohltätige Einrichtungen, Schulen und Unternehmen betreibt.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan verteidigt das radikale Vorgehen nach dem Putschversuch als notwendig, um den türkischen Staat von Gülen-Anhängern zu befreien. Insgesamt sind bereits 40.000 Menschen festgenommen und fast 85.000 Beschäftigte in verschiedenen öffentlichen Bereichen suspendiert oder entlassen worden – von Ärzten und Schullehrern über Angestellte bei Fluggesellschaften, Diplomaten, Richtern und Journalisten bis hin zu Künstlern. Mehr als 4200 Einrichtungen wurden geschlossen oder beschlagnahmt, so auch viele Schulen.

Und die Regierung hat angekündigt, dass sie weiter hart durchgreifen wird. So plant sie die Freilassung von Tausenden Gefangenen, offenbar, um Platz für nach dem Putsch Festgenommene zu machen.

Manche halten das Vorgehen bis zu einem gewissen Grad für verständlich. Es gebe einen „breiten Konsens“ in der Türkei, dass Gülen bei dem Putschversuch eine bedeutende Rolle gespielt habe, sagt Fadi Hakura von der Denkfabrik Chatham House in London. Das Hauptbetätigungsfeld der Gülen-Bewegung in der Türkei sei der Bildungssektor gewesen, und so habe die Regierung „zu Recht den Schluss gezogen, dass zumindest ein beachtlicher Teil des Bildungssystems infiltriert war“.

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