Türkei
Prozess gegen einstigen Erdogan-Vertrauten Gülen

Die türkische Justiz wirft dem islamischen Prediger Fethullah Gülen „Umsturzversuche“ und die „Bildung einer Terrorgruppe“ vor. Morgen beginnt der Prozess. Mit ihm kommen 70 weitere Verdächtige vor Gericht.

IstanbulIn Istanbul beginnt am Mittwoch der Prozess gegen den islamischen Prediger Fethullah Gülen, einem früheren Vertrauten und jetzigen Erzfeind von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Der in den USA lebende Gülen soll sich in Abwesenheit wegen mutmaßlicher „Umsturzversuche“ und „Bildung einer Terrorgruppe“ verantworten. Mit Gülen sind 70 weitere Verdächtige angeklagt, vor allem ehemalige Polizisten. Gülens Verteidigung hält die Vorwürfe für konstruiert und für einen Beleg der autokratischen Machtansprüche der türkischen Staatsführung.

Der 74-jährige Gülen war einst ein enger Verbündeter Erdogans. Die Weggefährten überwarfen sich jedoch vor dem Hintergrund des wachsenden Einflusses des Predigers. Die türkische Regierung warf schließlich Gülens Bewegung vor, hinter den Korruptionsvorwürfen gegen Erdogans engstes Umfeld zu stecken, die Ende 2013 aufgekommen waren. Die türkische Regierung betrachtet die Bewegung des Geistlichen als eine Art Parallelstaat.

Konkret vorgeworfen wird Gülen, Verbündeten in den Reihen der türkischen Polizei Anweisungen zum Sturz der Regierung gegeben zu haben. Gülens Anwalt Nurullah Albayrak sagte jedoch dazu, es gebe „keine Beweise“ für eine derartige Terrorgruppe. Alle Punkte in der fast 1500 Seiten dicken Anklage basierten auf Vermutungen. „Der einzige Beweis, den sie haben, ist ein Telefonat meines Mandanten mit einem Polizisten“, sagte Albayrak. „Darin gibt es keinen Hinweis auf irgendwelche Anweisungen.“

Die Staatsanwaltschaft dürfte für Gülen und zwei frühere Polizeichefs lebenslange Haft fordern. Den anderen Angeklagten drohen ebenfalls Gefängnisstrafen, einigen wird Mitgliedschaft in einer bewaffneten Gruppe vorgeworfen.

Gülen lebt seit 1999 im US-Staat Pennsylvania, hat von dort aus aber weiter einen enormen Einfluss auch in der Türkei. Er leitet ein großes Netz an Schulen, Unternehmen und Hilfsorganisationen und pflegt Kontakte zu Polizei, Justiz und Medien. Ankara forderte von den USA bereits vergeblich die Auslieferung des Predigers.

Die türkischen Behörden waren in der jüngsten Vergangenheit auch gegen Firmen und Anhänger von Gülen in der Türkei vorgegangen. Auch wegen des Vorgehens gegen Erdogan-kritische Medien steht die Regierung in der Kritik.

Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur
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