Türkei
Razzien gegen Erdogan-Gegner

Der in den USA lebende Geistliche Fetullah Gülen wird beschuldigt, die Macht der türkischen Regierung untergraben zu wollen. Nun geht die Polizei gegen dessen Anhänger im Land vor. Es gab zahlreiche Festnahmen.
  • 0

AnkaraRund ein Jahr nach Korruptionsvorwürfen gegen Vertraute des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan haben Sicherheitskräfte dutzende Journalisten und angebliche Regierungsgegner bei der Polizei festgenommen. Darunter seien unter anderem der Chefredakteur der Zeitung „Zaman“, Ekrem Dumanli, und der ehemalige Leiter der Istanbuler Anti-Terror-Einheit, berichtete die Nachrichtenagentur DHA am Sonntag.

Im Zuge der landesweiten Aktion seien 32 Haftbefehle erlassen und 24 der Verdächtigen festgenommen worden, meldete der Sender CNN Türk. Die Zeitung „Zaman“ und der Medienkonzern Samanyolu stehen dem mit Erdogan verfeindeten islamischen Prediger Fethullah Gülen nahe.

Nach Angaben von Dumanlis Anwalt wird dem Chefredakteur vorgeworfen, eine „Organisationsstruktur“ mit dem Ziel aufgebaut zu haben, die Souveränität der türkischen Regierung auszuhebeln. Sicherheitskräfte hatten am Morgen das Redaktionsgebäude der Zeitung in Istanbul durchsucht. Demonstranten verhinderten jedoch die Festnahme Dumanlis.

Nachmittags rückte die Polizei erneut an und führte Dumanli unter lautstarkem Protest ab, wie auf Fernsehbildern zu sehen war. „Man kann die freie Presse nicht zum Schweigen bringen“, skandierten die Unterstützer. Wie bei früheren Razzien hatte der mysteriöse Twitter-Nutzer „Fuat Avni“ zuvor vor dem Einsatz gewarnt.

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu äußerte sich zunächst nicht zu den Razzien. Auf einer Veranstaltung der islamisch-konservativen Regierungspartei in der osttürkischen Provinz Elazig sprach er am Sonntag lediglich von einem „Tag der Prüfung“. Jeder werde für sein Verhalten zahlen, sagte Davutoglu. Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu kritisierte die Verhaftungen und bezeichnete sie als „Putsch“.

Die EU verurteilte die Aktion als „unvereinbar mit der Freiheit der Medien“. „Diese Operation widerstrebt den europäischen Werten und Standards“, erklärten die EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini und EU-Nachbarschaftskommissar Johannes Hahn. Sie verwiesen darauf, dass der Beitritt von EU-Kandidaten zur Union vom „vollen Respekt für die Rechtsstaatlichkeit und die Grundrechte“ abhänge. Die Türkei ist seit 1999 EU-Beitrittskandidat, seit 2005 wird darüber verhandelt.

Der deutsche Grünen-Parteichef Cem Özdemir erklärte, die Durchsuchungen seien ein „weiteres Alarmsignal“ dafür, dass sich die Türkei von Europa und der Demokratie entferne.

Staatspräsident Erdogan wirft seinem einstigen Verbündeten Gülen vor, Polizei und Justiz unterwandert zu haben und die Regierung stürzen zu wollen. Auch hinter den im Dezember 2013 bekannt gewordenen Korruptionsvorwürfen gegen Ministersöhne der AKP-Regierung vermutet er die Gülen-Bewegung. Die Ermittlungen wegen Korruption sind inzwischen eingestellt worden. In einem am Wochenende in der „Süddeutschen Zeitung“ veröffentlichten Interview warnte der in den USA lebende Gülen vor einer „Hexenjagd“ in der Türkei.

Agentur
ap 
Associated Press / Nachrichtenagentur

Kommentare zu " Türkei: Razzien gegen Erdogan-Gegner"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%