Türkei
Rücktritte spielen Regierungschef Erdogan in die Karten

Nach dem Rücktritt der Armeespitze versucht die türkische Regierung die Situation herunterzuspielen. Dabei dürfte sich einer insgeheim freuen: Tayyip Erdogan. Der Ministerpräsident steht stärker da als jemals zuvor.
  • 5

IstanbulNach dem geschlossenen Rücktritt der Armeespitze ist in der Türkei ein Machtkampf zwischen Streitkräften und Regierung entbrannt. Präsident Abdullah Gül versuchte am Samstag, die Wogen zu glätten und erklärte, die Türkei mache keinerlei Krise durch. Dennoch sprach er von einer „außergewöhnlichen Situation“. Ministerpräsident Tayyip Erdogan könnte Experten zufolge gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen und den entscheidenden Sieg über die Generalität erringen, die die Politik seiner islamisch-konservativen AKP-Partei seit Jahren mit Misstrauen beäugen.

Nachfolger des zurückgetretenen Generalstabschefs Isik Kosaner dürfte der bisherige Kommandeur der Militärpolizei, General Necdet Özel, werden. Ihn beförderte Erdogan am Freitag zum Oberkommandierenden des Heeres und stellvertretenden Generalstabschef.

Erdogan will die Führungskrise schnell beenden. Am Montag tagt turnusgemäß der Oberste Militärrat, der zwei Mal im Jahr zusammenkommt, um wichtige Personalentscheidungen zu fällen. Das Treffen soll wie geplant über die Bühne gehen, wie Erdogans Büro ankündigte. Experten zufolge hat er nun die Chance, an der Militärspitze Offiziere zu installieren, die seiner Partei mehr gewogen sind.

„Niemand sollte dies als irgendwie geartete Krise oder anhaltendes Problem in der Türkei sehen“, sagte Gül mit Blick auf den geschlossenen Rücktritt. „Alles ist auf einem guten Weg.“ Kosaner sowie die Chefs von Heer, Luftwaffe und Marine boten am Freitag ihren Rücktritt an und begründeten ihn mit der andauernden Inhaftierung von 250 Offizieren, denen Verschwörung zum Sturz Erdogans vorgeworfen wird. In einer Abschiedserklärung an seine „Waffenbrüder“ nannte Kosaner den Verbleib im Amt unmöglich. Er hatte seinen Posten erst vor einem Jahr angetreten. Er könne nicht die Rechte von Kameraden verteidigen, die wegen eines fehlerhaften Verfahrens inhaftiert seien, sagte Kosaner. Mittlerweile sind 40 Generäle und damit zehn Prozent der Kommandeure im Gefängnis.

Seite 1:

Rücktritte spielen Regierungschef Erdogan in die Karten

Seite 2:

Ein „Vier-Sterne-Erdbeben“

Kommentare zu " Türkei: Rücktritte spielen Regierungschef Erdogan in die Karten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Richtig, Kemalite. Aber die EU, und nicht eben wenige ihrer Mitgliedslaender, verfolgen das eben auch.
    Nur die politsche Wegbereitung sieht dazu etwas anders aus. Eben nicht mittels 'Tun', sondern mittels 'Dulden' und 'Unterlassen'.

    Was die "aufgesperrten Augen" anbelangt, so sind diese wohl durch zwanghafte, an Psychosen erinnernde, Ideologien veraetzt oder verklebt. Noch entscheidender aber, der Verstand -freiwillig- vernebelt.

    Zumal nun nach dem Terror in Oslo. Da haben die bekannten Verstandvernebler-Koalitionen, insb. von Links, Linkslinks und Ultralinks, erneut Nebelbomben in die Hirne des Volkes und der herrschenden "Politik" geworfen.

  • Werter MaWo, Sie haben, ganz ohne Zweifel, und leider, sehr recht.

  • @ Worldwatch,
    Gut formuliert, aber Deutschland gehört ebenfalls in die Gemeinschaft der Demokratieabbauenden aufgeführt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%