Türkei ruft Botschafter zurück
Gül empört über US-Resolution

Nun ist passiert, was der US-Präsident unbedingt verhindern wollte: Ein Kongressausschuss hat das Massaker an Armeniern vor mehr als 90 Jahren als Völkermord bezeichnet. Nun bangt Bush um seine guten Beziehungen zur Türkei. Erste Reaktionen aus Ankara bestätigen die Befürchtung.

HB ISTANBUL/WASHINGTON. Die Türkei beorderte am Donnerstag ihren Botschafter in Washington zu Beratungen über eine im US-Repräsentantenhaus verabschiedete Resolution nach Ankara zurück. Der Diplomat Nabi Sensoy solle die USA verlassen, berichteten türkische Medien.

In der Resolution des Auswärtigen Ausschusses des US- Repräsentantenhauses wird der Tod hunderttausender Armenier am Ende des Osmanischen Reiches als Völkermord angeprangert. Der Vorwurf des Genozids wird von der Türkei heftig bestritten. Je nach Schätzungen kamen bei den Massakern 1915/16 zwischen 200 000 und 1,5 Mill. Armenier ums Leben.

Der Sprecher des US-Außenministeriums, Tom Casey, sagte dass die USA ihrerseits nicht vorhätten, ihren Botschafter aus der Türkei zurückzurufen. „Wir wollen gewiss weiterhin ein gutes positives Verhältnis mit der türkischen Regierung haben“, sagte Casey.

Der türkische Staatspräsident Abdullah Gül hatte am Donnerstag mit scharfer Kritik auf die Resolution reagiert. Die Resolution sei nicht akzeptabel, zitierte die türkische Nachrichtenagentur Anadolu Gül. Politiker in den USA hätten bedeutsame Angelegenheiten für innenpolitische Spielchen geopfert, warnte er.

Der mehrheitlich mit Demokraten besetzte Ausschuss hatte am Mittwochabend mit 27 zu 21 Stimmen für die Vorlage gestimmt. US- Präsident George W. Bush fürchtet wegen der als wahrscheinlich angesehenen Annahme der Resolution im US-Kongress eine Verschlechterung der Beziehungen zum NATO-Partner Türkei.

Auf Grund der Empfehlung des Auswärtigen Ausschusses wird nun das US-Repräsentantenhaus abstimmen. Auch im US-Senat ist eine entsprechende Resolution geplant. „Die traurige Tatsache ist, dass die heutige Regierung der Türkei sich beharrlich und in aggressiver Weise weigert, (...) den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen“, sagte der republikanische Abgeordnete Christopher Smith.

Bush hatte noch am Mittwochvormittag gewarnt, dass eine Annahme der Resolution „unseren Beziehungen zu einem Kernverbündeten in der Nato und im globalen Krieg gegen den Terror großen Schaden zufügen“ würde. US-Verteidigungsminister Robert Gates befürchtet überdies Folgen für die Versorgung der US-Truppen im Irak, da die Türkei ein wichtiges Transitland für Nachschubgüter sei. Außenministerin Condoleezza Rice meinte, es drohten sogar negative Konsequenzen für die Friedensbemühungen der USA im Nahost-Konflikt.

Bush hatte zuvor die damaligen Ereignisse in der Türkei als eine der größten Tragödien des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Allerdings müsse die Geschichtswissenschaft noch klären, ob der Begriff des Völkermords angemessen sei.

In Deutschland wurde unterdessen bekannt, dass der im Januar ermordete türkisch-armenische Journalist Hrant Dink posthum mit der Hermann-Kesten-Medaille ausgezeichnet wird. Die mit 10 000 Euro dotierte Ehrung wird seit 2000 vom P.E.N.-Zentrum und dem Hessischen Wissenschaftsministerium vergeben. Dink erhalte die Auszeichnung „für seinen mutigen Kampf um Meinungsfreiheit in der Türkei“, sagte P.E.N.-Generalsekretär Wilfried Schoeller auf der Frankfurter Buchmesse. „Er hat den Armeniern, ihrer Geschichte und Kultur eine publizistische Stimme in der türkischen Öffentlichkeit gegeben“, sagte Schoeller.

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