Türkei
Trügerisches Wachstum

Die Konjunkturimpulse der türkischen Regierung zeigen Wirkung. Der wirtschaftliche Aufschwung gibt Staatschef Recep Tayyip Erdogan Rückenwind. Doch trüben hohe Arbeitslosigkeit und Teuerung das Bild.
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AthenIn Ankara erhitzen derzeit viele Themen die Gemüter: Ausnahmezustand, „Säuberungen“, Konflikte mit der EU, Krach mit Washington und Kriege in den Nachbarländern. Die türkische Wirtschaft aber scheint das kalt zu lassen. Am Montag veröffentlichte Daten des staatlichen Statistikamts TÜIK zufolge legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den ersten drei Monaten 2017 gegenüber dem entsprechenden Vorjahresquartal um fünf Prozent zu. Die Konjunktur entwickelte sich somit deutlich besser als von den meisten Volkswirten erwartet. Sie hatten ein Wachstum von knapp vier Prozent vorhergesagt.

Die türkische Wirtschaft lässt damit die Schwäche des vergangenen Jahres hinter sich. Der Putschversuch vom Juli 2016, die Welle von Terroranschlägen, die Flaute im Tourismus und die innenpolitischen Turbulenzen hatten dazu geführt, dass die Wirtschaftsleistung im dritten Quartal 2016 erstmals seit dem globalen Krisenjahr 2009 um 1,3 Prozent schrumpfte.

Die Regierung reagierte damals prompt mit einem umfassenden Wachstumsprogramm: Steuersenkungen, Maßnahmen zur Ankurbelung des Kreditwachstums und höhere Staatsausgaben sollten die Konjunktur in Schwung bringen – und vor dem Verfassungsreferendum vom April für gute Stimmung unter den Wählern sorgen. Das hat funktioniert.

Das Wachstum wurde vor allem vom gesteigerten öffentlichen Verbrauch und vom höheren privaten Konsum getragen. Auch die Exporte liefen überdurchschnittlich gut. Dagegen bleiben die privaten Investitionen vorerst schwach, merkt Muammer Komurcuoglu an, Volkswirt bei IS Investment in Istanbul.

Der Ökonom rechnet aber damit, dass die Investitionen im weiteren Jahresverlauf anziehen werden. Auch Tamer Yilmaz von der Ziraat Bank sieht die privaten Investitionen als künftigen Wachstumsmotor. „Wir erwarten im dritten Quartal ein Wachstum von sieben Prozent“, sagte Yilmaz der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu.

Auch die Weltbank ist zuversichtlich: „Frühe Daten aus 2017 deuten auf eine anhaltende Erholung in der Türkei trotz politischer Unsicherheit hin“, heißt es im Ausblick der Institution. Sie setzte bereits in der vergangenen Woche ihre diesjährige Wachstumsprognose für die Türkei um einen halben Prozentpunkt auf 3,5 Prozent herauf. Die EU-Kommission rechnet in ihrer Frühjahrsvorhersage mit einem Plus von drei Prozent. Der für die Wirtschaftspolitik zuständige Vizepremier Mehmet Simsek erwartet mittelfristig ein jährliches Wachstum von „fünf Prozent oder mehr“.

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  • Schön zu lesen, daß die Wertegemeinschaft keinen "Türkischen Frühling" herbei führen kann.

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