Türkei und Erdogan
Wie viel Gollum steckt im Präsidenten?

In der Türkei ist ein Arzt angeklagt, weil er auf Twitter Vergleiche zwischen Präsident Erdogan und dem schizophrenen Fabelwesen Gollum aus „Herr der Ringe“ zog. Nun müssen Experten klären: Ist Gollum wirklich böse?

IstanbulDen Präsidenten beleidigt man nicht, so steht es im türkischen Strafgesetzbuch. Wie sieht es aber aus, wenn man ihn mit Gollum vergleicht, dem etwas schrumpeligen und halbbösen Wesen aus der Filmreihe „Herr der Ringe“? Genau das muss nun eine Expertenkommission in der Türkei entscheiden, um ein Gutachten für ein aktuelles Gerichtsverfahren zu erstellen.

Angeklagt ist ein Arzt aus der Türkei, weil er auf Twitter und anderen sozialen Medien Bilder des Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan und Gollum gegenübergestellt hatte. Zu sehen sind jeweils drei Bilder des Staatschefs und des Filmcharakters. Auf einem zeigen beide eine überraschte Mimik mit aufgerissenen Augen. Auf dem zweiten lachen beide, wobei man bei Gollum das schlecht gepflegte Gebiss erkennen kann, außerdem seine weit abstehenden Ohren und das extrem dünne Haar.

Auf dem letzten Bild schließlich beißen beide genüsslich in ein Stück Fleisch; Während Gollum dabei ein wenig heimtückisch nach oben schaut, konzentriert Erdogan auf dem Foto seinen Blick auf den Hähnchenschenkel in seinen Händen.

Schnell machte die Bildkomposition auf Twitter & Co. die Runde. Unter dem Stichwort „Erdogollum“ erschienen schnell neue Vergleiche zwischen Gollum und dem Staatschef. Karikaturisten wie der Brasilianer Latuff bildeten Erdogan schnell als nacktes schrumpeliges Fabelwesen ab, nur mit Lendenschurz bekleidet und mit einem Ring in der Hand.

Dem angeklagten Arzt drohen nun jedoch bis zu zwei Jahre Haft für seinen Vergleich. Das wollte seine Anwältin Hicran Danisman nicht hinnehmen. Sie hatte zunächst argumentiert, ihrem Mandanten stünden solche Vergleiche aufgrund der Meinungsfreiheit zu, die in dem Land offiziell gelte. Mit dieser Verteidigung habe sie bei den Richtern in Istanbul jedoch keinen Erfolg gehabt, erzählt sie. Deshalb argumentiere sie fortan, dass Gollum an sich doch gar keine schlechte Figur sei.

Der Richter war damit überfordert. Er gab in einer Verhandlung an, die Verfilmung der Bücher nicht gesehen zu haben. Gollum ist eine der Hauptpersonen in J.R.R. Tolkiens Romanreihe. Ursprünglich Sméagol genannt, wird Gollum als Hobbit geboren und begeht einen Mord an seinem Verwandten, um an einen schönen goldenen Ring zu kommen. Früh bemerkt er, welche Kräfte in dem Ring stecken: Sie machen ihn unsichtbar, sobald er ihn ansteckt.

Aber das Schmuckstück macht ihn auch misstrauisch und ein bisschen bösartig. Schnell wird er von Verwandten gehasst, muss seine Heimat verlassen und zieht ins Nebelgebirge, wo er schließlich auf den Hobbit Bilbo Beutlin trifft. Der findet Gollums Ring, den er zuvor unbemerkt verloren hatte. Fortan unternimmt Gollum alles, um den Ring zurück zu erlangen und schreckt auch nicht vor Mordplänen zurück.

Der türkische Präsident sieht sich immer öfter beleidigt. Erst am Dienstag mussten sich drei Redakteure der Zeitung „BirGün“ vor Gericht verantworten, weil sie Erdogan mit Formulierungen in einer Schlagzeile als „Dieb“ und „Mörder“ beleidigt haben sollen. Ihnen drohen bis zu vier Jahre Haft. Bizarr: Mit dem Artikel wollten die Journalisten darauf aufmerksam machen, dass Demonstranten in der Türkei wegen solcher Formulierungen häufig angeklagt werden.

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