Türkeis Wirtschaftsminister Babacan
„Zur Euro-Zone möchte ich derzeit nicht gehören“

Zwischenzeitlich war er Außenminister, doch inzwischen ist Ali Babacan wieder auf seinen Posten als Wirtschaftsminister der Türkei zurückgekehrt. Über mehrere Jahre hinweg hatte er auch die EU-Beitrittsbemühungen koordiniert. Mit Babacan sprachen in Ankara Gerd Höhler und ein Kreis ausländischer Journalisten.
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Handelsblatt: Herr Babacan, wie sehen Sie die Eurokrise?

Ali Babacan: Die Krise betrifft uns unmittelbar, weil wir in der EU 70 Prozent unserer Exporte absetzen. Das Bild in Europa ist besorgniserregend. Es ist sehr schwierig, aus diesem Teufelskreis von Schulden und Negativwachstum herauszukommen. Erschwerend kommt hinzu, dass wir in vielen Ländern schwache Regierungen haben. Ohnehin geht es bei diesen Defizit- und Schuldenproblemen um Größenordnungen, die vielleicht gar nicht mehr zu managen sind. Die EZB wird eine größere Rolle und mehr Verantwortung übernehmen müssen, um eine Kernschmelze der Währungsunion abzuwenden.

Müssen Sie froh sein, noch kein EU-Mitglied zu sein?

Zur Eurozone möchte ich jedenfalls derzeit nicht gehören. Trotzdem ist es wichtig, im Klub zu sein. Die Krisenländer, um die es jetzt geht, stünden ohne den Euro noch viel schlechter da. Sie hätten die EZB nicht hinter sich und keinen Hilfsmechanismus.

Die Türkei hat 2001 ihre eigene Finanzkrise durchgemacht. Was können die europäischen Krisenstaaten daraus lernen?

Die wichtigste Lehre ist ganz simpel: Man kann auf Dauer nicht mehr ausgeben als man einnimmt. Man muss sich ein realistisches Bild der Staatsfinanzen machen, in guten Zeiten Risiken analysieren und Vorsorge treffen. Das erfordert eine langfristige Perspektive. Aber die meisten Regierungen denken zu kurzatmig.

Die Türkei hat die globale Finanzkrise 2009 gut gemeistert und gehört mit China zu den wachstumsstärksten Volkswirtschaften. Was war ihr Rezept?

Die Reformen im Bankensektor nach der Krise 2001 haben uns sehr geholfen. Keine unserer Banken brauchte Staatshilfen. Wir haben auch früh und entschlossen die fiskalische Konsolidierung eingeleitet und im September 2009 ein Dreijahresprogramm zum Defizit- und Schuldenabbau verabschiedet. Wir sind das einzige Land in Europa, das 2010 Schulden abbaut. Auch das Budget 2011 ist sehr strikt. Die Finanzmärkte honorieren das: Zwölf Euro-Staaten haben höhere Spreads bei den Kreditausfallversicherungen als wir.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa

Kommentare zu " Türkeis Wirtschaftsminister Babacan: „Zur Euro-Zone möchte ich derzeit nicht gehören“"

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  • [+++ Beitrag von der Redaktion gelöscht +++]

  • @Wanderer.
    Das ist ja mal eine ganz neue Sichtweise: Da sind wir den integrationsunwilligen immigranten (und nur die meine ich hier!) also zu dekadent. Na, mir solls recht sein. Die dürfen sich gern gaaanz weit weg ein neues Auslaufmodell umbauen. Die gestalterische Kraft dafür kann ich bei dieser Klientel förmlich spüren, ihr Glaube wird sie leiten :D

    babacan hat ja Recht, wir haben ensetzlich schwache Regierungen. ist die Überschrift ein Wunder? Nein, wer will denn gerade jetzt zur Eurozone gehören. Seine Analysen sind einfach und zutreffend.

    Hoffen wir, auch für Sie lieber Wanderer, daß die Türkei wirtschaftlich weiter top bleibt und dabei nicht vergisst, seine bevölkerung "mitzunehmen", gerade auch die Minderheiten im Lande. Zur Erinnerung: bevölkerung = viele, Elite = wenige.
    Warten wirs ab.
    Nur weil es in der Eurozone "knautscht", strahlen andere Länder nicht automatisch heller.

  • [2] Unsere Politiker: „Die soziale Marktwirtschaft, wie wir sie früher hatten, war für Deutschland sehr gut“

    Mit hohen Löhnen und einer harten DM waren wir 1986, 1987, 1988 und 1990 Exportweltmeister. Jahrzehntelang waren wir mit dem Wirtschaftswunder Made in Germany immer unter den ersten drei stärksten Exportnationen. Erst 1991, nach dem beitritt der DDR ins Schlaraffenland fielen wir massiv zurück.

    im Jahre 2003 holten wir wieder den Titel Exportweltmeister zurück, mit dem Euro und unendlicher Kreditvergabe an alle, die wir jetzt auch noch zurückzahlen müssen. Wir sind am allerwenigsten auf den Euro angewiesen. Unser derzeitiger, erfreulicher Exportboom innerhalb der EU und in die USA ist ausschließlich mit Kredit finanziert. Wir schicken die Schecks gleich mit, mit denen dann unsere Waren bezahlt werden können.

    Der Euro hat vor allem uns als Exportland Vorteile gebracht – ein Märchen!
    Ein zurück zur D-Mark verhindert, dass auch DE immer tiefer in den Abwärtsstrudel gezogen wird. Falls es nicht schon zu spät ist.

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