Türken in der Schuldenfalle
Verliebt ins Plastikgeld

Kreditkarten werden in der Türkei zur Konsumdroge: Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie nicht haben. Das geht auch Ministerpräsident Erdogan zu weit – er will dem Rausch einen Riegel vorschieben.
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AthenDer türkische Premier Tayyip Erdogan hat für seine Landsleute viele gute Ratschläge: Geht nicht zu Demonstrationen, trinkt keinen Alkohol, kriegt viele Kinder, lasst die Finger von Kreditkarten. So umstritten viele der Erdogan-Empfehlungen auch sein mögen, seine Warnung vor dem Plastikgeld ist berechtigt. Viele Türken geben mit den Kreditkarten Geld aus, das sie gar nicht haben. Immer mehr Haushalte sind deshalb überschuldet. Und die türkische Leistungsbilanz rutscht immer tiefer in die roten Zahlen. Jetzt will die staatliche Bankenaufsicht dem Konsumrausch einen Riegel vorschieben.

Der Einkauf mit der Kreditkarte ist für viele Türken längst eine Selbstverständlichkeit. Nicht nur im Restaurant zücken sie das Plastikgeld, auch im Supermarkt oder beim Gemüsehändler kommen oft die Karten zum Einsatz. Bei größeren Anschaffungen wie einem neuen Fernseher oder Kühlschrank erst recht, denn mit der Karte bekommt man scheinbar attraktive Zahlungsbedingungen: Der Kaufpreis wird dem Kartenkonto in 24, 36 oder gar 48 Monatsraten belastet. Selbst ein Paar Schuhe mit einer Kreditkarte auf Raten zu kaufen, ist in der Türkei durchaus üblich.

Ist das Limit einer Karte ausgereizt, besorgt man sich eine weitere. Viele Türken haben ein ganzes Sortiment. Die Banken geben die Karten bereitwillig und ohne große Bonitätsprüfung aus, denn sie verdienen gut daran. Während in Deutschland der in einem Monat aufgelaufene Betrag meist in voller Höhe vom Kartenkonto abgebucht wird, sind die türkischen Karten echte Kreditkarten: Man braucht am Monatsende nur einen Teil der ausgegebenen Summe zu bezahlen, den Rest stundet die Bank – und berechnet Zinsen von bis zu 27 Prozent.

Nach Angaben der staatlichen Bankenaufsicht BDDK kassierten die türkischen Banken im vergangenen Jahr mit dem Kreditkartengeschäft 14,8 Milliarden Lira (5,35 Milliarden Euro). Das war mehr als ihre gesamten Personalkosten, die 14,2 Milliarden Lira betrugen.
Rund 56 Millionen Kreditkarten sind in der Türkei im Umlauf, in Relation zur Bevölkerung mehr als doppelt so viele wie in Deutschland. Auf umgerechnet 141 Milliarden Euro beliefen sich die Kreditkartenumsätze in der Türkei im vergangenen Jahr. Das entsprach 47 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zum Vergleich: In Deutschland sind es nicht einmal drei Prozent.

Das Plastikgeld verführt viele Türken nicht nur zu Anschaffungen, die sie sich eigentlich gar nicht leisten können. Die Karten werden zunehmend auch zur Beschaffung von Bargeld eingesetzt. Lange Schlangen vor den Geldautomaten sind deshalb ein gewohnter Anblick in der Türkei. Jeden Tag werden rund 100 Millionen Lira (36 Millionen Euro) Bargeld mit Kreditkarten aus den Automaten gezogen. Die Kreditkarten-Schulden der Türken beliefen sich nach Angaben der türkischen Bankenaufsicht Anfang Juli auf umgerechnet 31 Milliarden Euro. Sie haben sich gegenüber 2010 mehr als verdoppelt.

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  • Das ist nicht nur ein Problem der Türkei, sondern auch eins der USA und vielen anderen Nationen. Die Ausmaße des Konsums "auf Teufel komm raus" sind doch jetzt schon unübersehbar. Es wird doch ohnehin schon viel mehr produziert als konsumiert. Und den naiven Leuten soll es zusätzlich schmackhaft gemacht werden, noch mehr zu konsumieren. Die materialistisch verseuchte Gesellschaft wird somit narkotisiert. Es heißt nicht umsonst, dass man konsumieren muss, damit das Geld im Umlauf bleibt. Das Karussel darf nicht stehenbleiben. Das Argument der Schaffung und des Erhalts der Arbeitsplätze ist meines Erachtens nur solange tragbar, solange sich nichts grundsätzliches an unserem Verhalten ändert. Wenn aber der Mensch immer nur nach Reichtum und Luxus giert, dann wünscht er sich natürlich auch diesen bezahlen zu können, was natürlich mit einem Überangebot realisierbar ist. Denn Angebot, Nachfrage und Dummheit bestimmen den Preis. An Ressourcenverschwendung und tatsächlichem Nutzen für die Menschheit wird nicht einmal ansatzweise nachgedacht. Der Profit der Hersteller steht an Nummer eins. Wann begreift die Menschheit auf diesem Planeten, dass dieses unsere so tolle Wirtschaftssystem immer nur in eine Richtung geht. Den Menschen geht es wahrscheinlich immer noch zu gut. Wann kommt endlich die Revolution, der große Boykott?

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