Türkisch-Deutscher Wirtschaftskongress
Firmen setzen auf EU-Perspektive der Türkei

Immer mehr deutsche Unternehmen drängen an den Bosporus, auch auf Grund der Perspektive eines EU-Beitritts. Denn die Verhandlungen können die Türkei zu weiteren Reformen motivieren und politisch stabilisieren. In Brüssel rechnet man derweil mit der Öffnung von zwei neuen Verhandlungskapiteln.

ISTANBUL. Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Deutschland und der Türkei entwickeln eine immer stärkere Dynamik. Wesentliche Impulse bekommen sie von der türkischen EU-Kandidatur. Unternehmer aus beiden Ländern hoffen deshalb auf eine Fortsetzung der Beitrittsverhandlungen. Die wegen des ungelösten Zypernstreits weitgehend eingefrorenen Gespräche sollen am Dienstag mit der Eröffnung weiterer Verhandlungskapitel wieder in Gang kommen – wenn Frankreich und Zypern zustimmen. Wegen französischer Vorbehalte werde es wahrscheinlich nur zur Öffnung von zwei Verhandlungskapiteln kommen, hieß es in Brüsseler EU-Kreisen. Der deutsche EU-Vorsitz strebt die Öffnung von drei Kapiteln an.

Die Frage, was die Wahl des Türkei-Skeptikers Nicolas Sarkozy zum neuen französischen Präsidenten für die EU-Bewerbung Ankaras bedeutet, beherrschte viele Debatten und Gespräche auf dem 3. Türkisch-Deutschen Wirtschaftskongress, zu dem sich etwa 900 Wirtschaftsvertreter aus beiden Ländern am Wochenende in Istanbul trafen. Deutschland ist der größte Handelspartner der Türkei. Das bilaterale Handelsvolumen wächst seit Jahren zweistellig und erreichte 2006 mit 23,5 Mrd. Euro einen neuen Rekord. Die Türkei entwickelt auch auf deutsche Investoren eine zunehmende Anziehungskraft. Über 2 800 Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung sind bereits im Land. Rund 500 kamen allein im Jahr 2006 neu hinzu. Neben deutschen Weltkonzernen wie Siemens, Bosch, Daimler und MAN entdecken auch immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen den Standort Türkei. „Sie setzen nicht zuletzt auf die EU-Perspektive der Türkei“, sagt Marc Landau, Geschäftsführer der Deutsch-Türkischen Industrie- und Handelskammer in Istanbul. Allerdings hört man in Unternehmerkreisen, der Beitritt an sich sei gar nicht so entscheidend; wichtig sei, die Verhandlungen fortzusetzen, um die Türkei zu weiteren Reformen zu motivieren und politisch zu stabilisieren.

Die EU hatte im Juni 2006 die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei formell eröffnet, sie aber bereits im Dezember wegen des ungelösten Streits um Zypern wieder eingefro-ren. Acht der 35 Verhandlungskapitel wurden auf Eis gelegt. Das stieß in der Türkei auf Unverständnis. Für neue Verärgerung sorgte jüngst die Ankündigung von Sarkozy, er wolle die Beitrittsverhandlungen mit Ankara „nicht mehr fortsetzen“, weil für die Türkei „kein Platz in Europa“ sei. Mit Besorgnis blicken türkische Politiker und Unternehmer nun auf den morgigen Dienstag. Dann wollen die EU-Vertreter in Brüssel über den Vorschlag der deutschen EU-Präsidentschaft beraten, drei weitere Verhandlungskapitel zu eröffnen. Frankreich hat dagegen bereits Bedenken angemeldet. Vor allem das Kapitel „Wirtschafts- und Währungsunion“ ist umstritten. Paris argumentiert, dass es wegen des Euros um einen Kernbereich der EU gehe, und bremst die Öffnung dieses Kapitels.

Der türkische Wirtschaftsminister und EU-Verhandlungsführer Ali Babacan gab sich auf dem türkisch-deutschen Wirtschaftskongress dennoch kämpferisch: man wisse, dass der Weg in die EU viele Höhen und Tiefen habe und dass „einige Länder versuchen werden, diesen Weg zu erschweren“, sagte Babacan. Er bekräftigte aber: „Kein Hindernis wird uns dazu bringen, aufzugeben“.

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