Türkische Militärpräsenz im Nordirak
Krise zwischen Türkei und USA schwelt weiter

Die elf türkischen Offiziere, die Ende vergangener Woche in Nordirak von US-Streitkräften gefangen genommen worden waren, sind seit Montag früh wieder frei. Aber die Krise in den Beziehungen zwischen der Türkei und den USA ist damit nicht beigelegt. Stein des Anstoßes ist die türkische Militärpräsenz in Nordirak.

ISTANBUL. Die Freilassung der Soldaten erfolgte nach einem halbstündigen Telefonat, das der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntagabend mit US-Vizepräsident Dick Cheney führte. Die Zeitung „Hürriyet“ zitierte unter Berufung auf Regierungskreise aus dem Gespräch die an Cheney gerichtete Warnung des türkischen Ministerpräsidenten, die USA seien „dabei, einen wertvollen Verbündeten zu verlieren“, wenn die Soldaten nicht unverzüglich freigelassen würden. Das geschah dann auch. Dennoch drehte der türkische Generalstabschef Hilmi Özkök gestern weiter an der Spannungsschraube, als er vor der Presse in Ankara davon sprach, durch den Vorfall seien die Beziehungen der USA zum türkischen Militär in „ihre bisher schwerste Krise“ geraten.

Strapaziert ist das Verhältnis bereits, seit das türkische Parlament Anfang März überraschend den USA die Genehmigung zur Stationierung von 62 000 Soldaten in der Südosttürkei verweigerte und damit die Pläne des Pentagon für eine Nordfront gegen Irak durchkreuzte. Die USA zogen daraufhin ein der Türkei zugesagtes Finanzhilfepaket von 30 Mrd. $ zurück. Nach dem Krieg sorgte der Vizechef des Pentagon, Paul Wolfowitz, für Verstimmung in Ankara, als er in einer Fernsehsendung erklärte, die Türkei habe mit dem Nein zur Truppenstationierung einen „schweren Fehler“ gemacht, für den sie sich nun „entschuldigen“ müsse.

Mit der Festnahme der elf türkischen Offiziere setzte sich die Erosion der türkisch-amerikanischen Beziehungen jetzt fort. Einen Grund für die Gefangennahme nennen die USA immer noch nicht. Die türkischen Offiziere sollen aber verdächtigt werden, in Attentatspläne gegen den kurdischen Gouverneur der nordirakischen Provinz Kirkuk verwickelt zu sein. Vorwürfe, die Außenminister Abdullah Gül in Ankara als „Unsinn“ abtut. Dass es sich aber bei der Festnahme um einen „Irrtum“ oder die Initiative eines örtlichen Kommandeurs handelte, ist unwahrscheinlich. Politische Beobachter in Ankara sehen darin eine an die türkische Regierung und den Generalstab gerichtete „Warnung“ Washingtons vor weiteren militärischen Aktivitäten in Nordirak. Dort hat die Türkei bereits seit Jahren mehrere tausend Spezialsoldaten stationiert.

Sie sollen nicht nur die im Nordirak vermuteten Rebellen der kurdischen Arbeiterpartei PKK in Schach halten, sondern auch den Anspruch der Türkei unterstreichen, bei der politischen Neuordnung Iraks mitzureden. Mit wachsendem Argwohn beobachtet man in Ankara die Autonomiebestrebungen der mit Washington verbündeten nordirakischen Kurden und insbesondere ihre Kontrolle über die ölreiche Provinz Kirkuk. Die USA dagegen sehen in der türkischen Militärpräsenz eine Quelle möglicher Konflikte und eine Gefahr für die Stabilität der Region. Ein EU-Diplomat in Ankara interpretiert die Festnahmen denn auch als „klares Signal an die Türkei, ihre Truppen aus Nordirak abzuziehen“.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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