Türkische Revolution im Netz
Krieg der Bilder

Per Twitter und Co. nutzen türkische Demonstranten einfache, aber wirkungsvolle Mittel für den Widerstand: die Emotionen von Bildern. Professor Thomas Scheffer hat die Symbolik für Handelsblatt Online gedeutet.

DüsseldorfSein Blick ist starr nach vorne gerichtet, sein Kinn ist trotzig erhoben. Mit in den Taschen vergrabenen Händen steht Erdem Gündüz inmitten des Taksim-Platzes und rührt sich nicht. Die Geste des jungen Türken ist universell verständlich, die Bilder seines stummen Protestes finden viele Nachahmer. Fotos von stehenden Demonstranten sorgen in dem Medien für Aufruhr und wandern viral um die ganze Welt.

Die Art des Widerstandes in der Türkei hat sich gewandelt: Vor wenigen Wochen haben sich Polizisten und Demonstranten noch wütend bekämpft, jetzt setzen die Demonstrierenden eine andere Waffe ein - Bilder. Ihre Bühne ist das Internet: Es ist global, hier kann selbst Regierungschef Recep Tayyip Erdogan sie nicht stoppen. Die Fotos werden mit Hilfe von sozialen Netzwerken in sekundenschnelle geteilt und verbreitet, die Reaktionen erfolgen schnell.

Dass Bilder Emotionen gut transportieren, weiß Thomas Scheffer, Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt interpretative Sozialforschung von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Bei ihrer Entstehung spielt aber auch der Ort eine entscheidende Rolle. „Die Plätze werden aufgeladen. An ihnen misst sich Sieg und Niederlage. Der Platz will erobert, gesichert, gehalten, verteidigt werden. Occupy!“

Die Platzierung der Proteste leistet einen wichtigen, symbolischen Beitrag: Der Ort wird zu einem Schauplatz, an dem sich der Protest mit seinen emotionalen Energie ausdrückt. „Der Protest schafft sich eine radikal vereinfachte gesellschaftliche Situation, eine scheinbare Miniatur der Verhältnisse. Symbolik pur. Telegen und wirksam.“ Das sehe man auch an den Bildern. Gerade jene Art von Fotos, die die Demonstranten im Kampf mit der Polizei zeigen, erhalten so einen besonderen Touch: „Die Kriegsrhetorik rückt die Bilder in den Kontext der Kriegsberichterstattung.“

Im Netz funktionieren diese Bilder als wichtiges Kommunikationsmedien. Mit ihnen lässt sich ein Gemeinschaftsgefühl heraufbeschwören und gleichzeitig bekommt ein globales Publikum Einblicke. Das geht schnell und problemlos und hier zeigt sich laut Scheffer auch ein klarer Vorteil von Bildern: „Es bedarf keiner ausgefeilter politischer Positionen und Programme, sondern Haltungen, die sich symbolisieren lassen. So denken, fühlen, handeln wir!“

Und damit lösen die Demonstranten wiederum Gefühle beim Betrachter aus und stoßen weitere Ereignisse an: „Die Proteste sind global und lokal zugleich. Brasilien bezieht sich auf die Türkei und diese bezieht sich auf Ägypten. Ein globales Publikum verfolgt diese allzu ernsten Spiele zwischen Goliath und David.“ Aber darin liege auch eine Gefahr: Es müsse immer eine Einordnung der Bilder in den aktuellen Kontext erfolgen und alle Seiten beleuchtet werden. Sonst könne es passieren, dass sich das globale Publikum aufgrund von einseitiger Berichterstattung nur mit einer Seite solidarisiert.

Für Handelsblatt Online hat Professor Scheffer einige Bilder der Protestbewegung analysiert:

„Hier finden sich gleich mehrere Verfremdungen in einem: statt einer Taube, ein Spatz; statt dem Halbmond, ein fressender Kreis wie beim Computerspiel Packman. Das Ganze auf rotem Grund der türkischen Nationalflagge. Ein falsches nationales Emblem sozusagen. Eine Verkehrung allgemeinen Ordnung. So, als zeige der Staat nun sein wahres Gesicht.“

„Dieses Bild ist ein Lob auf die Bewegung und auf seine Kreativität – aber auch ein Hinweis auf seine Angegriffenheit und Gefährdung. Es symbolisiert die Unbeugsamkeit der Demonstranten: „Kommt mit eurem Tränengas, wir halten durch.“ Findigkeit und Kreativität triumphieren. Gleichzeitig dokumentiert das Bild die Allgegenwart der Protestbewegung. Sie ist im öffentlichen Raum präsent. Sie erscheint an verschiedensten Orten der Stadt. “

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