Tunesien nach dem Terror
„Wir lassen uns von denen nicht brechen“

Tunesien hat der Anschlag mit 21 Toten schwer getroffen. Viele Fragen sind offen: Warum war kein Polizist zur Stelle? Warum wurde nicht nach dem dritten Terroristen gefahndet. Die Regierungskoalition zeigt erste Risse.
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TunisWenn sein achtjähriger Sohn Yussef in der Wohnung einen Stuhl rückt, zuckt Wassil Bouzid zusammen. Seit Tagen hat er kein Auge zugetan. Vom Einkauf war er mit leeren Händen zurückgekommen; im Supermarkt war er in Panik geraten. Er dachte, alle wollten ihn umlegen. „Bumm, bumm, bumm“, dröhnte es in seinem Kopf.

Am Abend verabredete er sich mit seinem besten Freund in einer Bar, um so vielleicht den Horror zu vertreiben. Als über den Flachbildschirm wieder die Nachrichtenbilder von den panisch aus dem Portal des Bardo-Museums flüchtenden Feriengästen flimmerten, brach er in Tränen aus. „Ich habe geheult und geheult und bin nach Hause“, sagt er. „Mal geht es fünf Minuten ganz gut, dann wieder total beschissen.“ Seitdem lässt ihn seine Frau Salma nicht mehr aus den Augen, wie auch bei dem Gespräch im „Cafe Classico“ in El Aouina im Norden von Tunis, wo die Familie wohnt.

Wassil Bouzid ist Zeuge des schwersten Anschlags auf das Nationalmuseum Bardo, den die junge tunesische Demokratie bislang erlebt hat. Dabei waren am vergangenen Mittwoch 21 Menschen getötet worden, unter anderem Touristen aus Italien, Japan, Frankreich, Spanien und Polen. Die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) hatte sich zu dem Anschlag bekannt.

Seit 24 Jahren ist Wassil Bouzid Reiseführer. Auf dem großen Bardo-Parkplatz neben den Palmen hatte der kräftige Mann sich nach der üblichen Ein-Stunden-Tour auf Spanisch für seine Kreuzfahrtgäste von der MSC Splendida gerade eine Zigarette angesteckt. Neun Leute seiner 40-köpfigen Gruppe waren bereits zu dem Fahrer in den Bus gestiegen, die übrigen noch im Andenkenshop oder auf der Toilette.

Plötzlich bemerkte er 15 Meter rechts von sich einen glatt rasierten, jungen Mann in Jeans und Jacke, der eine Kalaschnikow aus der Sporttasche zerrte und eine Bouzid unendlich erscheinende Weile hektisch versuchte, das krumme Patronenmagazin in den Schacht zu klicken. „Erst dachte ich, das ist ein tunesischer Zivilpolizist, dann dachte ich, da hantiert einer mit einem Spielzeuggewehr herum“, erzählt der Reiseführer.

Als dann die ersten Salven krachten, habe er kapiert, was wirklich los war. Der 48-Jährige rettete sich in die Moschee auf dem Gelände und von dort durch eine Nebentür auf das benachbarte Areal des Parlaments, wo er seinen Busfahrer auf dem Handy erreichte. Der berichtete ihm, ein zweiter Attentäter sei in den Bus gesprungen. Drei ältere Leute konnten sich nicht schnell genug ducken, zwei wurden erschossen, einer verletzt. Der Fahrer und sechs Gäste überlebten unversehrt – insgesamt starben zwölf Passagiere der „MSC Splendida“, 13 liegen mit Schusswunden im Krankenhaus.

Auch Tunesien fühlt sich tief verletzt vom dem Terroranschlag am vergangenen Donnertag. Tunesien, das einzige nahöstliche Land, was nach dem Arabischen Frühling bisher nicht in Bürgerkrieg oder Militärdiktatur versunken ist. Zwei Tage später hatte die Mittelmeer-Nation eigentlich ihren 59. Unabhängigkeitstag feiern wollen. Doch die Stimmung auf dem Boulevard Habib Bourguiba ist gedrückt, ein kalter Wind streift durch die Alleebäume.

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