TV-Duell in Frankreich
Lügen, Wut und Wertekampf

Sie haben sich nichts geschenkt – und am Ende hat keiner gewonnen: Ségolène Royal und Nicolas Sarkozy gingen nach leidenschaftlicher Konfrontation im Fernsehen punktgleich auseinander. Allerdings legte Royal eine Aggressivität an den Tag, von der selbst manche ihrer Anhänger glauben, dass sie ihr zum Verhängnis werden könnte.

PARIS. Royal ging von Beginn an mit einer Angriffslust auf Sarkozy los, die in Deutschland bei einem womöglich wahlentscheidenden Fernsehduell undenkbar wäre. Im Laufe der zwei Stunden und vierzig Minuten langen Debatte ließ sie keine Polemik aus. Mal warf sie Sarkozy „Lügen“ vor, mal „politische Immoralität“ oder auch öfter „Brutalität“. Die Attacken hatten System. Royal musste angreifen, denn nur so kann sie das Blatt im Endspurt des Wahlkampfs noch zu ihren Gunsten wenden. Denn wenige Tage vor der Stichwahl liegt die Sozialistin in den Meinungsumfragen immer noch zurück.

Sarkozy reagierte auf den Dauerbeschuss zunächst sichtlich irritiert, zumal Royal ihm von Beginn an permanent ins Wort fiel. Sarkozy: „Leiden Sie darunter, wenn ich mal einen Satz zu Ende spreche?“ Der Kandidat der Konservativen musste sichtlich mit sich ringen, um Fassung zu bewahren. Anfangs hielt er sich an seinem Kugelschreiber fest, der hektisch von einer Hand in die andere und wieder zurück wanderte. Anders als Royal wollte Sarkozy es um jeden Preis vermeiden, aggressiv aufzutreten. Denn wenn er eine weibliche Konkurrentin angreift, riskiert er, bei den Wählern als Macho dazustehen. Das hätte Stimmen kosten können.

Im Laufe der Debatte gewann Sarkozy seine Gelassenheit zurück, während Royal immer stärker aufdrehte und schließlich beim Thema behinderte Kinder einen regelrechten Zornausbruch erlitt. Wütend warf sie Sarkozy vor, seine Regierung sei schuld daran, dass es in den Schulen nicht genügend Platz für Behinderte gäbe. „Beruhigen Sie sich“, sagt Sarkozy. „Nein ich beruhige mich nicht“, antwortet Royal. „Sie haben die Nerven verloren“, sagt Sarkozy. „Nein, ich bin nicht genervt, sondern ich wütend. Und es gibt eine gesunde Wut“, entgegnet Royal. „Wer Präsident der Republik werden will, muss stets die Nerven bewahren“, sagt Sarkozy. „Ich bin ganz ruhig Blut. Aber ich bin zornig“, sagt Royal.

Später werden selbst manche ihrer Anhänger sagen, dass dieser scheinbar unkontrollierte Ausbruch sie möglicherweise endgültig den Wahlsieg gekostet hat.

Nicht nur in der Form, sondern auch in der Sache prallten die beiden Kandidaten voll aufeinander. Sie präsentierten dem Wahlvolk zwei Gesellschaftsentwürfe, die sich diametral widersprechen. Sarkozy will Steuern und Sozialabgaben senken, Royal neue Steuern etwa auf Börsengewinne einführen. Sarkozy setzt voll auf Kernenergie, Royal hingegen will den Bau der neuen Atomreaktor-Generation erst einmal stoppen. Sarkozy will das riesige französische Beamtenheer verkleinern, Royal will die Zahl der Staatsdiener dagegen beibehalten. Sarkozy sagt kategorisch Nein zum EU-Beitritt der Türkei, Royal will dagegen abwarten und die Beitrittsreife der Türkei zum gegebenen Zeitpunkt prüfen.

Sarkozy will das Präsidialsystem der fünften Republik im Prinzip beibehalten, Royal will es grundlegend reformieren und dabei das Parlament stärken. Sarkozy will die EU-Verfassung auf den Müllhaufen der Geschichte werfen und einen vereinfachten Ersatzvertrag vom Parlament ratifizieren lassen, Royal die EU-Verfassung hingegen um ein Sozialprotokoll ergänzen und erneut zur Volksabstimmung stellen. Sarkozy will die in Frankreich extrem kurze Arbeitszeit verlängern, Royal hält an der 35-Stundenwoche fest. Deutlich wurde, dass hinter den politischen Projekten völlig verschiedene Werte stehen. Sarkozy vertritt die preussische Tugenden Fleiss, Pünktlichkeit, Disziplin, Ehrgeiz, Leistung, Royal dagegen für die linken Ideale Umverteilung, Solidarität, Gleichheit und Brüderlichkeit. Das Fernsehduell hat gezeigt: Die Franzosen stehen am kommenden Sonntag vor einer echten Wahl.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel
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