TV-Fragestunde
Die Putin-Inszenierung

Wladimir Putins TV-Interview zeigt: Es geht immer vor allem darum, wie sich der russische Präsident in Szene setzt. Kritische Fragen gab es kaum. Dafür jede Menge Hau-Drauf-Rhetorik. Die Fragestunde in der Analyse.
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Moskau/DüsseldorfDrei Stunden, 56 Minuten und 29 Sekunden – so lange redete der Kremlchef Wladimir Putin am Donnerstag in einem Fernsehinterview. Und das über neun Zeitzonen hinweg. Bei dem Format mit dem Namen „Direkter Draht” konnten Bürger ihrem Regierungschef Fragen stellen. Das größte Thema: die Ukraine-Krise. Direkt wirkt die Sendung allerdings nur zum Teil. Die Themen sind aus einem Pool von 2,5 Millionen eingesandten Fragen ausgewählt, viel Kritisches ist nicht dabei.

Vielleicht liegt das auch daran, dass 96 Prozent aller Russen der Ukraine-Politik von Putin zustimmen. Obwohl die wirtschaftliche Entwicklung Russlands stagniert, scheint er mit ideologischen Geschenken wie der Ausdehnung des Staatsgebietes seine Macht sichern zu wollen. Zur Not eben auch mit einer Militärintervention, die er während der Livesendung nicht ausschließt: Im Interview sagt Putin, das russische Parlament habe ihm die Vollmacht gegeben, militärisch in der Ukraine einzugreifen. „Ich hoffe, dass ich diese Rechte nicht nutzen muss”, sagt er.

Bereits zum wiederholten Mal inszeniert sich Putin mit seiner rhetorischen Stärke als starker Mann im politischen Weltgefüge. Mit erhobener Hand erklärt der den Zuschauern, dass „Menschen Entscheidungen aufgrund ihrer Lebenserfahrung treffen.“ Die Regierung in Kiew teilt mit Putin demnach nicht viel dieser Erfahrung, denn: „Die Maidan-Regierung handelt dumm und falsch.“ Außerdem führe die Arbeit der Übergangsregierung das Land „in den Abgrund”, so Putin.

Eine Regierung müsse gegenüber seinen Bürgern immer loyal sein. Nur durch militärische Eingriffe könne man die Ordnung im Land nicht wiederherstellen: „Sind die dort jetzt völlig bescheuert geworden?“ Der Ton wird rauer. Dazu trägt auch die Ankündigung bei, die Ukraine müsse ihre Gasschulden in Milliardenhöhe binnen eines Monats zurückzahlen. Bereits vor zwei Tagen meldete der Premierminister Dmitri Medwedew auf seiner Facebook-Seite, dass die Ukraine durch das russische Gas über 100 Milliarden US-Dollar sparen konnte.

Indes erhält ein russischer Geschäftsmann das Wort und vergleicht die Ausdehnung der Nato mit dem Wachsen von Krebszellen. Das Mikrofon lässt sich die Moderatorin dabei nicht aus der Hand nehmen, womöglich für den Notfall, sollte doch plötzlich etwas kritisches gesagt werden. Das ist aber nicht nötig, Putin stimmt dem korpulenten Herrn der russischen Oberschicht vollkommen zu und droht mit ruhiger Stimme: „Es wird keine Erweiterung der Nato gen Osten geben.”

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  • Putin ist für Russland und seine Interessen genau der richtige Mann. Das wissen die Russen. Und der Westen weiß das auch. Aber es gefällt den USA nicht, denn sie haben andere Interessen. Die EU hat auch Interessen, aber diese zählen nicht, den sie ist ein politischer Zwerg.

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