TV Kritik

Flugzeugabschuss „ein wirklich dummes Versehen“

Anne Wills Talkshow zur Lage in der Ostukraine war nicht leicht zu ertragen. Nicht, weil die Diskussion langweilte, sondern weil die ganze Hoffnungslosigkeit eines kriegerischen Konflikts in Europa zutage trat.
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An der Absturzstelle: Wrackteile des malaysischen Passagierflugzeugs MH17. Quelle: AFP

An der Absturzstelle: Wrackteile des malaysischen Passagierflugzeugs MH17.

(Foto: AFP)

Im Jahr 2014 wird so häufig an den Beginn des Ersten Weltkriegs erinnert, dass sich manchmal Fragen aufdrängen wie die, ob alles genau so gekommen wäre, wenn es vor 100 Jahren die Medien der Gegenwart gegeben hätte. Hätten Vertreter Österreich-Ungarns und Serbiens in Talkshows über Schuldige und Konsequenzen des Attentats in Sarajewo diskutiert?

Jedenfalls saßen am späten Mittwochabend, im Anschluss an eine Sondersendung über den „Todesflug MH17 – Europas Tragödie“, ein Gesandter an der russischen Botschaft in Berlin, Oleg Krasnitskiy, und Vasyl Khymynets, der Leiter ukrainischen Botschaft – nachdem der bisherige Botschafter Pawlo Klimkin im Juni zum Außenminister berufen worden war – nebeneinander in Anne Wills Talkshow. Die beiden tauschten mit jeweils osteuropäischem Akzent ihre Ansichten über die Verantwortung für den Abschuss aus. Was sie sagten, war so wenig überraschend wie das, was die deutschen Gäste äußerten. Dennoch war es aufschlussreiches Fernsehen.

Zunächst nannte der Russe Krasnitskiy den Abschuss eine „Trägodie“, die ohne alle Vorurteile aufgeklärt werden müsse. Er kritisierte, dass schon am Tag der Katastrophe viele gewusst haben wollen, wer schuld sei.

Anschließend sah der Ukrainer Khymynets die Verantwortung außer bei denen, „die auf den Knopf gedrückt haben“, auch bei denen, die „die Waffe zur Verfügung gestellt“ hatten, also bei Russland. Inzwischen verdienten die Separatisten „Terroristen“ genannt zu werden, sagte er, und: Russland wolle „Rache“ dafür nehmen, dass „das ukrainische Volk den Weg in die europäische Familie gewählt“ hat.

An dieser Stelle wurde deutlich, dass Fragen, die in vielen Diskussionen um die Ukraine mitschwingen, auch bei Anne Will nicht ausdrücklich gestellt wurden: ob die Europäische Union die Ukraine als Mitgliedsstaat aufnehmen würde, ob eine Nato-Mitgliedschaft in Frage käme und sinnvoll wäre.

„Welche Verantwortung hat Putin?“, lautete der Sendungstitel, und Moderatorin Will trug der unnötigen Personalisierung mit beharrlichen Fragen wie „Trägt Ihr Präsident gar keine Verantwortung?“ Rechnung. Krasnitskiy wollte erwartungsgemäß gar keine Verantwortung bei Russland sehen. Will bemühte sich mit kritischen Fragen, an Khymynets etwa zur in der Ukraine beschlossenen Teilmobilmachung, aber doch um überparteiliches Moderieren.

„Strom von russischen Söldnern“
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8 Kommentare zu "TV Kritik: Flugzeugabschuss „ein wirklich dummes Versehen“"

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  • Wenn es ein Abschuss war wie wohl vermutet ist das keine Unfall oder Unglück sondern Mord. 1914 hätte so ein Zwischenfall eventuell auch zum Krieg geführt. Gut das die Medien angesprochen werden, wie die sich verhalten hätten 1914 und 2014. Da kann man vermutlich sagen, das alle Deutschen Medien ihren Propaganda-Krieg an der Seite der Deutschen Politik führen. Hier hat sich nichts geändert ob 1914, 1933 oder 2014. Man sollte alte Zeitungen der Jugend in den Schulen im Unterricht zur Diskussion zeigen.

  • Versehen? - Das ist ja die Verniedlichung des Tages. Warum übernimmt Anne Will nicht gleich das Wort zum Sonntag?

    Hier ist mit vollem Bewußtsein ein hochentwickeltes Waffensystem zum Einsatz gekommen und es wurden 295 Menschen kaltblütig gekillt.

    Man mag das als Kollateralschaden betrachten - ein Versehen war es jedenfalls nicht. Dummheit war es in jedem Fall!

    Unsere Politik kommt nicht umhin, zu realisieren, dass es auf diesem Globus nicht nur Gutmenschen gibt, sondern auch viele Schwerverbrecher, die nur mit der Waffe im Anschlag unter Kontrolle gehalten werden können. Das gilt ausdrücklich auch für unsere Gesellschaft, die sich gerne in rosa Watte wähnt.

  • "Unerträglich" ist vor allem diese Will...

  • Diese Sendungen und ähnliche Berichte bestätigen nur eins: USA will Russland in den Krieg ziehen

    [...]

    Und diese Tragödie betätigt das nunmehr

    Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

  • Nach meinem Verständnis ist die Auffassung von Kujat die angemessene, dass zuerst die Ergebnisse der Untersuchung von unabhänigen
    Experten abgewartet werden müssen, um Schuld oder Nichtschuld
    persönlich festmachen zu können. Die Position eines Herrn Wellmann, der sofort nach dem Ereignis wußte wer der Schuldige ist, ist extrem parteilich und somit wenig glaubwürdig.

  • Nicht das erste mal, nur damals war es die USA, der Kapitaen erhielt dann auch noch eine Auszeichnung

    Iran-Air-Flug 655 (IR655) war ein Linienflug der Iran Air von Teheran über Bandar Abbas, Iran nach Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Am 3. Juli 1988 wurde diese Route von einem Airbus A300B2 mit der Kennnummer EP-IBU geflogen. Die Maschine wurde auf der zweiten Teilstrecke des Fluges über dem Persischen Golf nahe Qeschm vom US-Kriegsschiff USS Vincennes (CG-49) abgeschossen, wobei alle 290 Menschen an Bord getötet wurden. Nach Angaben der US-Regierung war das Flugzeug von der Schiffscrew als eine angreifende, feindliche F-14 Tomcat identifiziert worden.

  • „ein wirklich dummes Versehen“ eine Petitesse vielleicht? Das war Massenmord. Wenn auch vielleicht nicht gewollt.
    Aber die deutsche Bevölkerung ist so was von brutal abgestumpft das es auf keine Kuhhaut mehr geht.
    Die große Betroffenheit würde erreicht sein, wenn sabbernde Töllen nicht mit in einem Lokal dürfen.

  • Unerträglich war der inzwischen nur zu gewohnte Schlagabtausch zwischen einem Vertreter der Ukraine un einem Vertreter Russlands allemal.

    Man hat tatsächlich mitunter den Eindruck, als könne es der "Schoß der europäischen Familie" nicht abwarten, die säumigen Zahler und hochverschuldeten Edeldemokraten, die gerade in Kiev ihre Vorstellungen einer demokratisch legitimierten und demokratisch agierenden Regierung geben, die Ukraine dem Gesamtschuldenkonvolut der EU anzugliedern.
    Meinungsverschiedenheiten dazu: Tabu im Rahmen der Staatsräson.

    Vergleichbar allerdings wirken schmallippig vorgetragene Bemerkungen zu als Hinhaltetaktik begriffenen Positionen Russlands.

    Beide Positionen indes zeigen, auf welch schwierigem Terrain sich Vermittler da empfinden könnten.

    Für die Weltgemeinschaft springt dabei überdies noch das Wort erbärmlich heraus, diesem Treiben nicht mit der gebotenen Entschiedenheit entgegenzutreten.

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