Tymoschenko schmorte 43 Tage im Gefängnis
Demo-Duett in Orange

Aufbrausend wie eine Furie, geht Julija Tymoschenko auf die drei Polizisten am Eingang des ukrainischen Parlaments zu. Sie schubst die bulligen Männer zur Seite und reißt die Tür auf. Als die Polizisten das verhindern wollen, schlägt die zierliche Frau mit den Fäusten auf die Uniformierten ein. Während Demonstranten ins Gebäude eindringen, flechtet sich die 44-Jährige erst einmal ihre langen Haare wieder zum Zopf, den sie wie eine ukrainische Bauernschönheit als Krone um ihr Haupt bindet.

KIEW. Julija Tymoschenko weiß, dass sie auch ihr fotogenes Äußeres zur Hoffnung vieler Ukrainer gemacht hat – aber auch ihr zupackendes Wesen. Manch einer hält sie für den „einzigen richtigen Kerl in der ukrainischen Politik“. Sie sei der eigentliche Motor der orangefarbenen Proteste von Kiew. „Sie klopft morgens bei Viktor Juschtschenko an und weckt ihn mit ,Viktor, steh auf, es ist Revolution’“, erzählt ein hochrangiger europäischer Diplomat.

Ihr Stil unterscheidet sie, ihre Geschichte eint sie. Tymoschenko und Juschtschenko, das Führungs-Tandem der ukrainischen Opposition, halten seit Wochen ihr Land und die Welt in Atem, weil sie den Betrug bei der Stichwahl um das Präsidentenamt am 21. November nicht schlucken wollten. Denn erst ließ sie das Regime von Präsident Leonid Kutschma aufsteigen – Tymoschenko zur reichsten Unternehmerin des Landes, Juschtschenko zum Premierminister. Dann verstieß es sie.

Nun schlagen sie zurück – wenn es sein muss auch im wörtlichen Sinne.

„Ich musste doch die Demonstranten ins Parlament holen, sonst hätten die Abgeordneten alle Reformen blockiert“, rechtfertigt die eiserne Julija ihre Faustattacke. Der Erfolg gibt ihr Recht: Nach dem Eindringen der Demonstranten ins Parlament kommt eine Mehrheit zur Absetzung der Regierung von Präsident Kutschma um den Widersacher und Premierminister Viktor Janukowitsch zu Stande.

Gegenkandidat Juschtschenko liegen solche hemdsärmeligen Manöver weniger. Der Sohn eines Lehrers aus der an Russland grenzenden Provinz Sumy, ist mit der inneren Ruhe des Hobby-Imkers gesegnet. Er ist mehr ein Mann des Kompromisses.

„Ich hätte keine Verhandlungen mit den Machthabern geführt“, gibt Powerfrau Tymoschenko zu, „das bringt nichts. Kutschma klammert sich mit aller Kraft an die Macht. Die gibt er erst durch den Druck des Volkes ab.“ Auch wenn sie ganz verschieden sind: Das Demo-Duett, für das seit drei Wochen Abend für Abend Zehntausende auf dem Unabhängigkeitsplatz im Herzen der Hauptstadt frierend ausharren, hält zusammen.

Julija und Viktor geben eine Art von „Die Schöne und das Biest“ – notgedrungen. Im September entstellte ein Geheimdienst-Giftanschlag das Gesicht des Oppositionsführers mit schwarzen Narben, Pusteln und Ekzemen. Seither sei Juschtschenko zwar auch „härter und entschlossener geworden“, sagen seine Wegbegleiter. Allerdings sucht er noch immer Kompromisse, wie sie ein neuerlicher runder Tisch unter EU-Vermittlung an diesem Montag bringen soll. „Wir brauchen die Präsidenten- und Regierungspaläste nicht zu stürmen. Die Herren werden uns bald die Schlüssel freiwillig geben“, sagt Juschtschenko.

Da hat sich Julija Tymoschenko schon längst zum Marsch auf den Präsidentenpalast gemacht: „Wo ist denn das Präsidialamt?“ fragte sie keck die Demonstranten wie eine Lehrerin ihre Schüler. Und die bahnten ihr und Juschtschenko den Weg zum Herrschersitz Kutschmas. Dort lieferte sich die Unbeugsame dann eine Redeschlacht mit der Polizei, die hinter ihren Schilden die ängstlichen Machthaber schützt.

An ihrer Seite ist auch der gelernte Bankgehilfe Juschtschenko forscher geworden. Redete er als Zentralbankchef und Premierminister (1999 bis 2001) noch in nicht enden wollenden Sätzen, ist Julijas rhetorischer Funken nunmehr auch auf ihn übergesprungen. Das Fachchinesisch des Doktors der Wirtschaftswissenschaften lässt er weg, und er formuliert mitreißende Sätze wie: „Ihr seid alle Helden, ihr macht die Geschichte!“ Soeben hat der Oberste Gerichtshof Neuwahlen für den 26. Dezember festgesetzt. „Wir werden siegen!“ All denjenigen, „die nicht faul im Bett liegen geblieben sind, sondern als Volk gegen ihre machthabenden Banditen aufgestanden sind“, wolle er persönlich eine Ehrenurkunde aushändigen.

Als Zentralbank- und Regierungschef bewies der Oppositionsführer marktwirtschaftliches Denken: Vor acht Jahren führte er die Landeswährung Hrywna ein, band sie eng an den Dollar und bewahrte sie so 1998 vor der russischen Finanzkrise, die von der Moskwa an den Dnjepr zu schwappen drohte. Unter Juschtschenko verzeichnete die Ukraine zudem erstmals seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wieder Wirtschaftswachstum und zahlte jahrelang ausstehende Löhne und Renten aus. Der Erfolg machte Juschtschenko beliebt. 2001 jagte Präsident Kutschma den neuen Konkurrenten davon.

Früher schon hatte es Julija Tymoschenko erwischt. Als Vize von Regierungschef Juschtschenko fegte sie mit eisernem Besen den besonders korrupten ukrainischen Energiesektor aus. Da das Macht und Milliarden der Kutschma stützenden Oligarchen untergrub – einer der mächtigsten Wirtschaftskapitäne ist Viktor Pintschuk, der Schwiegersohn des Staatschefs –, setzten sie Tymoschenkos Absetzung durch.

Doch für die bis dahin als Chefin des Stromkonzerns Vereinte Energiesysteme der Ukraine zur reichsten Unternehmerin ihres Landes aufgestiegene Ökonomin kam es noch schlimmer: Kutschma ließ sie 43 Tage in Untersuchungshaft sperren. Damals brachten Proteste des Volks die heutige Abgeordnete wieder in die Freiheit.

Wie der Giftanschlag Juschtschenko hat die Haft Tymoschenko nur entschlossener gemacht. Dabei sind beide eher Familienmenschen: Tymoschenko, die von ihrer Mutter allein großgezogen wurde, weil sich ihr Vater schnell aus dem Staub gemacht hatte, heiratete schon mit 18 Jahren ihren Mann Olexander. Ein Jahr später kam Tochter Jewhenija auf die Welt. Während ihr Ehemann aus Angst vor der ukrainischen Justiz im Ausland lebt, hat die Tochter ihr Studium in England unterbrochen, um ihre Mutter auf der Dauerdemo zu unterstützen.

Juschtschenko wird von seiner Frau Jekaterina Tschumatschenko und den beiden jüngsten seiner fünf Kinder, Sofija und Kristina, begleitet. Als am Ende seiner Rede die Nationalhymne gesungen wird, muss er väterlich den kleinen Mädchen, die natürlich in orangenen Mützen und Schals mit dem Namenszug ihres Papas auf der Bühne stehen, immer wieder ihre Händchen auf ihre Herzen halten. Während der „Volkspräsident“ noch mit seiner Frau zum Wahlkampf-Superhit „Wir sind viele, und wir lassen uns nicht belügen“ tanzen will, drängt ihn Tymoschenko schon weiter.

Ein Vergleich mit Jeanne d’Arc ehre sie, sagt die Frau, die gern Premierministerin unter einem Präsidenten Juschtschenko würde: „Nur will ich nicht so enden wie die große Johanna von Orleans und auf dem Scheiterhaufen verbrennen.“

Der Hamburger ist nach Stationen als Auslandskorrespondent in Moskau, Brüssel und Warschau jetzt Auslandschef des Handelsblatts. Er interessiert sich besonders für Osteuropa, die arabische Welt und Iran.
Mathias Brüggmann
Handelsblatt / Korrespondent
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