„Überall lagen Leichenteile herum“
Inferno in der „weißen Stadt“

Inmitten des Sirenengeheuls der Krankenwagen und der lauten Rufe von Sanitätern und Polizisten irrt eine alte verschleierte Frau wie benommen nahe der Medina durch die Straßen Casablancas. Während sie sich immer wieder mit den Händen an den Kopf fasst, tragen Rettungskräfte blutüberströmte Menschen aus den Trümmern der umliegenden Gebäude: Es ist 21.30 Uhr, und in der Stadt, deren Namen eher Erinnerungen an eine der ergreifendsten Liebesgeschichten der Filmgeschichte weckt, ist das Inferno ausgebrochen.

HB/dpa CASABLANCA/MADRID. Die Bilder, die aus Casablanca („die weiße Stadt“) über die Fernsehschirme flimmern, versetzen Marokko einen Schock. Noch nie zuvor hatte das nordafrikanische Königreich den Terror so nah und so heftig erlebt. Fast neun Jahre ist es her, dass in dem Land überhaupt ein Anschlag verübt wurde: 1994 stürmten Bewaffnete ein Hotel in Marrakesch und töteten zwei spanische Touristen. Während anderswo in islamischen Staaten Gewalt zum Alltag gehörte, wurde Marokko vom Terror verschont - bis jetzt. Dass die Anschläge fast mit den fröhlichen Feiern zur Geburt eines Thronfolgers, des ersten Sohnes von König Mohammed VI. und Prinzessin Lalla Salma, zusammenfielen, setzte vielen umso stärker zu.

„Die Attentate haben eine unserer größten Errungenschaften getroffen: die Stabilität“, meint ein Bewohner in Rabat resignierend. Und auch in der Reisebranche läuten die Alarmglocken. Marokko fürchtet, dass die für die Wirtschaft so wichtigen ausländischen Touristen jetzt dem für seine Gastfreundschaft beliebten Land den Rücken kehren könnten.

„Sie stürmten ins Lokal, schnitten dem Wächter die Kehle durch und zündeten mitten unter den Gästen ihre Bomben“, beschreibt Lumina Haffa das Grauen im Restaurant des spanischen Kulturhauses „Casa de España“, wo fast 20 Menschen während des Abendessens in den Tod gerissen wurden. „Überall lagen Leichenteile herum, alles war voller Blut“, schildert sie. „Furchtbar, furchtbar“, stammelt der Vorsitzende der Einrichtung, Rafael Bermúdez. „Ich habe hier heute einige Freunde verloren.“ Wie andere Lokale in der Gegend um die Medina (Altstadt) war die „Casa de España“ ein beliebter Treffpunkt für die vielen ausländischen Geschäftsleute in der drei Mill. Einwohner zählenden Wirtschaftsmetropole.

Während Innenminister Mustafa Sahel die Menschen zu beruhigen versucht - „es ist alles unter Kontrolle“ - spielen sich im Averroës- Krankenhaus dramatische Szenen ab. Verzweifelte Menschen fragen nach ihren Angehörigen, schauen bang auf eine ausgehängte Liste mit den Namen der Toten. Die Tragen mit den Verletzten stehen teilweise auf dem Flur, Ärzte und Schwestern eilen durch die Gänge. Die Toten wegzubringen ist keine Zeit, die Leichen bleiben auf dem kalten Boden liegen. „Ja, ich habe überlebt. Aber es wird nie wieder so sein wie früher“, sagt ein junger Mann in die Fernsehkameras.

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