Überbevölkerung
Tickende Zeitbombe in Tansania

Die Bevölkerung der ehemaligen deutsche Kolonie Tansania vermehrt sich zu schnell. Das Land droht zu einem Musterbeispiel für den vergeblichen Kampf der Uno gegen die Armut zu werden.

DARESSALAM. Die Hütte ist rappelvoll. Es ist laut. Es ist heiß in diesem Fleckchen von Tansania. Mädchen, Jungen, Mütter und Väter quetschen sich in dem engen Raum. Ein Baby dämmert auf dem Schoß einer jungen Frau weg, auf der Nase des kleinen Kerls tanzen zwei Fliegen. An der schmutzigen Decke des Schulgebäudes surrt ein Ventilator. Rund zwanzig Meter entfernt holpern Lastwagen und Autos nach Arusha, die Stadt unweit des Kilimandscharo.

Peter Munene schleppt einen Videorekorder in die stickige Bude. Dann hält er eine Rede auf Swahili. Das Publikum grölt. Kurze Zeit später starren die Menschen auf die Leinwand. Der Film geht um Verführung und Sex, Schwangerschaft und Verzweifelung. Vor allem aber geht er um Verhütung. Denn Peter Munene hat eine Mission: Er arbeitet als Landesdirektor der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung in Tansania. Tausende Tansanier haben sein Verhütungs-Video schon gesehen. Die DSW geht mit dem Streifen landesweit auf Tour.

Experten wie Muene warnen schon lange: Dem blauen Planeten mit Namen Erde droht die Überbevölkerung - und in Tansania tickt schon heute die Zeitbombe. Die Begründung ist simpel. Nur jedes fünfte Paar in Tansania nutzt moderne Verhütungs-Mittel wie Kondome. Die Fruchtbarkeitsrate in Tansania schnellte dadurch zu einer der höchsten in der Welt empor. Die Frauen Tansanias bringen laut den Vereinten Nationen, der Uno, im Durchschnitt 5,4 Kinder zur Welt. Die Folge: Die Bevölkerung Tansanias wächst und wächst und wächst.

Lebten im Jahr 1988 noch 23 Millionen Menschen in dem ostafrikanischen Staat, zählen die Demographen heute rund 40 Millionen Menschen. Bis 2050 wird sich die Bevölkerungszahl laut Uno wohl auf mehr als 80 Millionen Personen verdoppeln. Fachleute wie Angelika Schrettenbrunner von der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit schimpfen: "Die Familienplanung in Tansania ist eine Katastrophe." Und so droht sich Tansanias Kindersegen in einen Alptraum zu verwandeln: Schon heute schafft es das bitterarme Land kaum, alle Einwohner satt zu bekommen. Trotz internationaler Hilfen fristen fast 60 Prozent der Einwohner ihr Dasein unter der Armutsgrenze: Sie haben umgerechnet weniger als einen US-Dollar pro Tag. "Tansanias wirtschaftliche und soziale Entwicklung ist akut gefährdet", warnt Johnbosco Basso, Mediziner vom Marie-Stopes-Krankenhaus in der Metropole Daressalam. "Auch das Gesundheitssystem kann mit dem rasanten Wachstum der Bevölkerung nicht fertig werden", sagt der Mitvierzigers mit düsterer Miene.

Die ehemalige deutsche Kolonie droht so zu einem Musterbeispiel für den vergeblichen Kampf der Vereinten Nationen gegen die Armut zu werden. Will die Uno doch laut ihren Millenniumsentwicklungszielen bis 2015 das gröbste Elend auf dem Planeten entscheidend zurückdrängen. Noch in diesen Tagen verlangte Tansanias Präsident Jakaya Kikwete mehr Hilfe der reichen Uno-Mitglieder. Bislang hätten die Industrieländer zu wenig Geld gegeben, um Afrika aus der Armutsfalle zu befreien. "Es ist keine Frage der Bramherzigkeit", sagte Kikwete auf einem Afrika-Sonderreffen der Uno. Denn ein stabiles Afrika sei im Interesse der reichen Staaten.

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