"Überflüssige bürokratische Wut"
Debatte über Rechtschreibung bricht auch in Österreich los

Lawinenartig hat die Debatte über die Rücknahme der Rechtschreibreform jetzt auch Österreich erfasst. Fast täglich füllen die Kommentatoren und Experten der großen Tageszeitungen ganze Seiten mit dem Für und Wider der neuen Rechtschreibung, sich die Chefredakteure aller Blätter bereits am vergangenen Freitag eindeutig für die Beibehaltung der Reform ausgesprochen hatten. Doch die auflagenstarke „Kronen-Zeitung“ schert jetzt aus dieser Einheitsfront aus.

HB WIEN. Am Donnerstag forderte der Herausgeber des Boulevardblatts (900 000 Leser), Hans Dichand, unter dem Pseudonym Cato offen die Abschaffung der Reform. Die neue Rechtschreibung, die „offenbar in überflüssiger bürokratischer Wut entstanden“ sei, müsse „so schnell wir können“ zurückgenommen werden, da sonst „der uns aufgezwungene Irrsinn verbindlich“ werde. Am Freitag legte das Blatt nach. Unter der Schlagzeile „Die größten Dummheiten“ zählte die „Krone“ die inzwischen bekannten Ungereimtheiten der Reform auf, die auch in Deutschland stets von Gegnern der neuen Rechtschreibung genannt werden.

„Cato“, der in seinem feurigen Kommentar auch „Massendemonstrationen in Deutschland“ zur Bekräftigung seiner Forderung heranzog, begründete seine Forderung mit einer Umfrage der Illustrierten „News“ vom gleichen Tag. Danach sind 62 Prozent aller Österreicher für die Rückkehr zur alten Rechtschreibung. Nach der Befragung von 400 Erwachsenen kam das Blatt auch zu dem Schluss, dass gar 78 Prozent der über 50-Jährigen lieber „Gemse“ als „Gämse“ schreiben und die Reform abschaffen möchten. Was Cato nicht erwähnte: Bei den unter 30-jährigen Österreichern ist die Mehrheit für die Beibehaltung der neuen Schreibweise.

Dass in Austria künftig wieder nach den 100 Jahre alten Regeln geschrieben wird, glaubt indes kaum jemand. Einzig die Rücknahme im Nachbarland Deutschland würde in Österreich vermutlich Folgen haben. Und die wird in der Alpenrepublik zurzeit nicht als sehr wahrscheinlich eingeschätzt. So haben sich Bundeskanzler Wolfgang Schüssel (ÖVP) und sein Vize Hubert Gorbach von den rechten „Freiheitlichen“ bereits auf die Beibehaltung der neuen Regeln festgelegt. Zwar fordern oppositionelle Sozialdemokraten und Grüne vorsichtig ein „Überdenken“ der Reform, Fristverlängerungen und „Verbesserungen“. Ihre Abschaffung wagen sie dennoch nicht zu verlangen. Nur unter Hinterbänklern der stets populistischen FPÖ von Jörg Haider rumort es.

Dass auch in Österreich die Reform niemand so recht liebt, haben inzwischen alle Kommentatoren und selbst die Experten klar gemacht. Doch der Trend der veröffentlichten Meinung geht eindeutig in die Richtung, die vor einer Woche pikanterweise der Krone-Chefredakteur Michael Kuhn „zähneknirschend“ vorgab: „Wir wollen die Kinder nicht mit einer anderen Rechtschreibung verunsichern als der, die sie in der Schule lernen“, meinte er.

Umfragen unter den rund 1,2 Millionen Schulkindern in Österreich, die seit sechs Jahren die neue Schreibweise lernen, gibt es bisher zwar nicht, doch machten einige von ihnen am Freitag in der linksliberalen Zeitung „Der Standard“ ihrem Unmut über die Diskussion Luft. „Eigentlich ist es mir egal, wie geschrieben wird“, meinte da etwa die 15-jährige Laura Gugrel, „Hauptsache es gibt eine einheitliche Regelung“. Und der 16-jährige Maximilian Salcher vermutete „rein ästhetische Argumente“ bei den Reformkritikern, „denn die neue Schreibung ist verständlicher als die alte“.

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