Überleben in Politik und Fernsehen
Über eine Politikergattin im Fernseh-Kerker

Während sich der Däne Anders Fogh Rasmussen ab Herbst als neuer Nato-Generalsekretär behaupten muss, kämpft seine Ehefrau Anne-Mette Rasmussen in einer Survival-Show. Wie man das deuten kann.
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HAMBURG. Just in diesem Herbst, wenn der Däne Anders Fogh Rasmussen sein Amt als Nato-Generalsekretär antritt, werden seine Ehefrau und seine Tochter in einer skandinavischen Fernseh-Survival-Show den Umgang mit Schlangen und Spinnen demonstrieren – eingesperrt auf einer alten französischen Festung. Deute das, wer kann. Die Franzosen haben sich ja kürzlich zur Rückkehr in die Nato entschlossen. Verlangt das von den Dänen womöglich ein besonderes Unerschrockenheits- und Geschicklichkeitstraining? Das unglückliche Bündnis mit Frankreich während der Napoleonischen Kriege führte jedenfalls zum Verlust Helgolands und Norwegens.

Aber wie auch immer es sich mit den Gesetzen der aktuellen Fernsehunterhaltung einerseits, mit dem historischen Gedächtnis andererseits verhält – die beiden eher bodenständig anzuschauenden Damen werden dem frischgebackenen Nato-Chef eine kabarettistische Note geben, oder sollte man sagen: zurückgeben? Immerhin war Rasmussen schon als dänischer Politiker nicht zuallererst für seine Seriosität berühmt. Dies lag indes weniger an seiner smarten Erscheinung als an gewissen Eigenwilligkeiten seiner Haushaltsführung als Wirtschaftsminister im Kabinett Schlüter.

Das war Ende des vergangenen Jahrhunderts. Zu Beginn dieses Jahrhunderts überraschte er die Welt durch die heroische Geste, mit der er, inzwischen Ministerpräsident, eine dänische Corvette zur Unterstützung der Amerikaner in den Irakkrieg schickte. Die Geschichte dieser Corvette (eines kaum mittelgroßen, aber hübsch anzusehenden Kriegsschiffes) hat sich vielleicht noch nicht hinreichend in das kollektive Weltgedächtnis eingeschrieben. Aber ehe das Bild des Politikers endgültig ins Kriegerische zu entgleisen droht, wollten seine Ehefrau und Tochter vielleicht dafür sorgen, die dänische Neigung zu Clownerien wieder fester mit dem Familiennamen zu verbinden.

Traditionell liegt dieser humorvollen Nation auch in der Politik der Scherz nicht fern. Man denke nur an den Schelm Mogens Glistrup, der die heutige Fortschrittspartei 1972 als rein provokatorisch gemeinte Steuerverweigerungspartei gegründet hatte. Aber ehe sich Deutsche darüber mokieren (ohne Steuern gibt es nicht nur keinen Staat, sondern auch keine Parteien, nicht einmal eine Steuerverweigerungspartei), sollten sie daran denken, dass ihr großer Philosoph Peter Sloterdijk erst kürzlich in der FAZ den Steuerboykott als ultimative politische Geste empfohlen hat. Dagegen nimmt sich der Kampf mit französischen Spinnen schon wieder seriös aus.

Quelle: Zeit Online.

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