Überraschende Wende im Raketenstreit
Lächeln mit dem Rabauken

Russland und die USA gehen in der Außenpolitik wieder aufeinander zu: Die beiden Großmächte wollen den Raketenstreit nun gemeinsam lösen. Für die überraschende Wende sorgte ein unerwarteter Vorschlag von Wladimir Putin.

HEILIGENDAMM. Tagelang hatte der russische Präsident vor dem G8-Gipfel mit dem Säbel gerasselt. So sehr, dass Medien den Weltwirtschaftsgipfel schon von einem Streit zwischen den USA und Russland über den Raketenschirm überschattet sahen. Doch wer Putins Auftritt in Heiligendamm verfolgte, erlebte zumindest nach außen eine andere Welt. Oben am Himmel trübte kein Wölkchen die Stimmung. Und unten am Boden lächelte Putin mit den G8-Partnern um die Wette.

Das ist auch so, als er sich am Donnerstagnachmittag neben George W. Bush vor die Kameras steht. Eine Stunde lang haben sie miteinander geredet. Jetzt wollen sie nach den Fernduellen der letzten Tage ein wenig die Spannung herausnehmen. Schon zuvor beruhigte Bush die Gemüter. „Es gibt keinen Grund zu hyperventilieren“, scherzte er. Auch nicht wegen der US-Raketenpläne, weshalb Putin nicht nur einen neuen Kalten Krieg heraufbeschworen, sondern indirekt Polen und Tschechen auch mit Vergeltungsangriffen gedroht hatte. „Russland ist ein großartiges Land, das uns hilft“, sagt Bush jetzt. „Wir haben ein Verständnis der gemeinsamen Bedrohung, aber Differenzen bei dem nötigen Einsatz der Mittel“, antwortet sein russischer Kollege brav und duzt „George“.

Und dann bringt er den überraschenden Vorschlag an, dass man das Schutzsystem gegen iranische Langstreckenraketen doch gemeinsam mit einer Radarstation in Aserbaidschan betreiben könnte. „Dann wäre ganz Europa geschützt“, meint Putin. Bush hört aufmerksam zu, was sein Kollege da an „interessanten Ideen“ vorbringt.

Es wirkt wie eine Verständigung beider Nuklearmächte über die Köpfe der Europäer hinweg. Eine gemeinsame Kommission solle nun alle Fragen der US-Raketenabwehrpläne bereden, bei der die USA zehn Abfangraketen in Nordpolen aufstellen und eine Radarstellung in Tschechien errichten wollen. Bei der gemeinsamen Nutzung der russischen Radaranlage in Aserbaidschan könne er auch seine Drohung fallen lassen, russische Raketen erneut auf Europa zu richten, betont Putin. Als „Preis“ fordert er, dass die Amerikaner ihre Raketenpläne in Osteuropa nicht forcieren. Arbeite man gemeinsam, habe man nach dem ersten iranischen Test einer Langstreckenrakete noch drei bis fünf Jahre Zeit zu reagieren. „Wir werden nie zu spät sein, das habe ich George gesagt.“

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