Überraschender Tod
Russischer Reformpolitiker Gaidar gestorben

In Russland ist der liberale Reformpolitiker und angesehene Wirtschaftsexperte Jegor Gaidar im Alter von 53 Jahren überraschend gestorben. Gaidar hatte die postsowjetische Wirtschaftspoltik unter Ex-Präsident Boris Jelzin entscheidend mitgeprägt und ab 1994 einer der führenden Köpfe der liberalen Opposition.
  • 0

HB MOSKAU. Gaidars Mitarbeiter Gennadi Wolkow bestätigte den Tod der russischen Staatsagentur Ria Nowosti am Mittwoch. Unter dem früheren Präsidenten Boris Jelzin war Gaidar Anfang der 1990-er Jahre kurze Zeit kommissarischer Regierungschef. Laut russischen Medien war ein Blutgerinnsel die Todesursache.

Gaidar galt als Chefideologe der Marktreformen unter Jelzin und hatte den Übergang von der sowjetischen Plan- zur kapitalistischen Marktwirtschaft vorangetrieben. Er war in der russischen Regierung auch Vize-Regierungschef und Finanzminister, bis er 1994 als führender Kopf in die liberal-demokratische Opposition wechselte.

Seine Reformen führten zu tiefen sozialen Einschnitten, wurden jedoch von breiten Bevölkerungskreisen als notwendig erachtet. In letzter Zeit wurde dieser Wirtschaftskurs allerdings immer häufiger kritisiert, da ihm auch das politische und wirtschaftliche Chaos der Übergangszeit angelastet wird.

„Er stand vor der Wahl zwischen Bürgerkrieg oder einschneidenden Reformen, und er hat sein Leben dafür eingesetzt, einen Bürgerkrieg zu verhindern“, sagte der frühere Vizeministerpräsident Boris Nemzow über Gaidar. Der ehemalige sowjetische Präsident Michail Gorbatschow, der Gaidars Reformen seinerzeit ablehnte, zeigte sich persönlich tief betroffen vom frühen Tod des Wirtschaftsexperten, wie die Nachrichtenagentur ITAR-Tass berichtete. Er bekräftigte aber auch seine Kritik an dessen Politik. Gaidar habe alle Probleme des Landes auf einmal lösen wollen, und dies sei ein Fehler gewesen.

Der Tod des Regierungskritikers kam für die russische Opposition überraschend. Gaidar war 2006 im irischen Dublin während einer Buchvorstellung unter ungeklärten Umständen zusammengebrochen. Er selbst hatte danach laut russischen Medien über einen Giftanschlag gemutmaßt, allerdings fanden Ärzte keine Spuren. Der russische Menschenrechtler Lew Ponomarew sagte, Gaidar sei von der Gesellschaft unfair behandelt worden. „Die radikalen Finanzreformen waren notwendig.“

Als Direktor eines Moskauer Wirtschaftsinstituts hatte sich der Experte bis zuletzt kritisch auch zur Politik des russischen Regierungschefs Wladimir Putin geäußert. Gaidar war der Enkel des Schriftstellers Arkadi Gaidar, dessen Buch "Timur und sein Trupp" über die Vorbildwirkung kommunistischer Jugend zur Pflichtlektüre in den Schulen der DDR gehört hatte.

Kommentare zu " Überraschender Tod: Russischer Reformpolitiker Gaidar gestorben"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%