Überraschendes Wachstum einiger Schlüsselbranchen
Investoren sehen Indien auf Erholungskurs

Eine ganze Riege internationaler Banken und diverse Anlegergurus verbreiten in ihren jüngsten Konjunkturberichten die Nachricht vom baldigen Ende der wirtschaftlichen Durststrecke Indiens. Gleichzeitig empfehlen sie Investoren die Rückkehr auf den Subkontinent. Die Sache hat nur einen Haken: Die Indien-Euphorie basiert zum größten Teil auf Hoffnungswerten.

NEU DELHI. Am Donnerstag war in Neu Delhi "Dry Day". Es durfte kein Alkohol verkauft werden, denn die Bewohner der Hauptstadt waren aufgerufen, ihre Abgeordneten für Indiens Parlament zu wählen. Die Spirituosenindustrie wird das kaum gestört haben. Für sie ist der größte Urnengang der Welt, der sich in mehreren Etappen über Wochen hinzieht, jedes Mal ein lukratives Konjunkturprogramm. Die Parteien decken sich mit großen Mengen billigen Fusels ein, den sie im Wahlkampf kostenlos an ihre Anhänger verteilen.

Aber auch andere Branchen haben von der Wahl profitiert. Sicherheitsfirmen berichten von Großaufträgen für kugelsichere Westen und Plastikschilde, bei Lufttransportunternehmen sind seit Wochen die Helikopter ausgebucht, Textil- und Andenkenhersteller haben massenweise Fahnen und andere Parteidevotionalien verkauft. Schätzungen zufolge hat die Wahl mehr als 1,5 Mrd. Euro in Indiens krisengeplagte Wirtschaft gepumpt.

Doch der Optimismus ist nicht nur in einigen Nischenbranchen zurückgekehrt. Eine ganze Riege internationaler Banken von UBS über Goldman Sachs und Barclays Bank bis hin zu HSBC sagt in ihren jüngsten Konjunkturberichten eine Erholung der indischen Wirtschaft im zweiten Halbjahr voraus. Auch Anlegergurus wie Mark Mobius von der Fondsgesellschaft Templeton und Anthony Bolton von Fidelity verbreiten die Nachricht vom baldigen Ende der Durststrecke auf dem Subkontinent und empfehlen Investoren die Rückkehr. Die Börse hat den erhofften Aufschwung schon eingepreist: Der Aktienindex Sensex legte seit dem Tiefststand am 9. März um 45 Prozent zu. Ausländische institutionelle Anleger haben seit Jahresbeginn 1,9 Mrd. Dollar an Indiens Börse investiert. 2008 hatten sie 13 Mrd. Dollar abgezogen.

Das überraschende Wachstum einiger Schlüsselbranchen sei der Grund, dass sich die Wirtschaft in Indien deutlich schneller erholen werde als in den USA, Europa und den meisten anderen asiatischen Ländern. So lagen die Pkw-Verkäufe im April um 14 Prozent über dem Vorjahreswert. Auch Zement, Kohle und Mineralölprodukte haben sich jüngst besser entwickelt als erwartet. Es sei sehr wahrscheinlich, dass die zuletzt rückläufige Industrieproduktion spätestens im Juni wieder anziehe, prognostiziert UBS-Analyst Philip Wyatt.

Ökonomen wie Robert Prior-Wandesforde von HSBC machen für die erwartete Trendwende in Indiens Wirtschaft maßgeblich die drei Konjunkturpakete der Regierung verantwortlich. Das Gesamtvolumen der Ausgabenprogramme und Steuersenkungen liegt bei drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Hinzu kommen deutlich gesunkene Zinsen dank einer stark expansiven Geldpolitik, die gefallenen Rohstoffpreise sowie die Rückkehr ausländischen Kapitals.

Andererseits brechen die Exporte seit Monaten ein. Die Importe sind sogar noch stärker zurückgegangen, deutliches Anzeichen einer schwachen Binnennachfrage. Und auch Indiens Banken sind weiterhin extrem vorsichtig bei der Kreditvergabe, obwohl sie praktisch keine faulen Wertpapiere besitzen und die Zentralbank viel Geld ins System gepumpt hat. Das stellt viele Unternehmen nun vor große Probleme. Sie haben die fulminante Expansion der vergangenen Jahre maßgeblich auf Pump finanziert. Jetzt müssen sie teuer umschulden - wenn sie noch können. Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt auf Basis von Daten der Ratingagentur Moody?s, dass die Kreditausfälle südasiatischer Unternehmen von vier auf 20 Prozent ansteigen werden.

Diese Risiken offenbaren die Tücken der jüngsten Indien-Euphorie: Sie basiert zum größten Teil auf Hoffnungswerten. Zwar ist das Verbrauchervertrauen in eine künftig bessere Wirtschaftslage im April leicht gestiegen. Doch zugleich ist die Bereitschaft zum Kauf langlebiger Konsumgüter um 7,2 Prozent gesunken. Rajiv Kumar, Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts ICRIER in Neu-Delhi, warnt deshalb vor dem Optimismus der Banken und der Börse. Für eine baldige Erholung gebe es bisher keine eindeutigen Anzeichen. Wie es mit Indiens Wirtschaft weitergeht, entscheiden nach Ansicht Kumars vor allem die Wahlen. "Das schlimmste Ergebnis", sagt er, "wäre eine schwache, handlungsunfähige Koalition aus vielen Parteien." Denn dann bleibe der dringend nötige Reformprozess stecken. Mit unabsehbaren Folgen für Indiens Rückkehr zu dauerhaft hohem Wachstum.

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