Ukraine-Konflikt Nur immer schlimmer

21, 22, Explosion: Janinas Vater zählt die Sekunden zwischen den Raketen. Er muss. Es ist das einzige Warnsystem. In der Ukraine bangen die Menschen um ihr Leben, die Familien in Deutschland auch. Vier Ukrainer erzählen.
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... und nachgespielt in den Kellern der umkämpften Orte (hier Debalzewe), in die die Einwohner flüchten, wenn der Raketenhagel einsetzt. Quelle: AFP
Krieg in der Ostukraine

... und nachgespielt in den Kellern der umkämpften Orte (hier Debalzewe), in die die Einwohner flüchten, wenn der Raketenhagel einsetzt.

DortmundJaninas* Vater zählt die Sekunden und Minuten zwischen den Raketeneinschlägen. In den vergangenen Tagen waren es meist zehn Minuten, berichtet der 62-Jährige seiner Tochter über Skype. Warnsysteme gibt es keine. Die Einschläge in der Umgebung sind der einzige Alarm für die Menschen, die es noch wagen, im Donbass in der umkämpften Ost-Ukraine zu bleiben. Die Detonationen lassen diejenigen, die wie Janinas Eltern Hab und Gut nicht verlassen wollen, in ihre Keller flüchten. Sofern das noch gelingt. Sofern die nächste Rakete nicht das eigene Haus trifft.

„Keiner von uns hat geglaubt, dass es so weit kommt. Wir dachten, es läuft ab wie 2004 [bei der unblutigen Orangen Revolution, Anmerk. d. Redaktion]“, sagt Janina. Die 34-Jährige sitzt am Küchentisch in ihrer Wohnung in Dortmund, rund zweieinhalbtausend Kilometer entfernt vom Krieg und von ihrer Heimat Artemiwsk, wo Mutter und Vater leben. Sie hat die Hände ineinandergelegt und versucht zu lächeln. Es gelingt ihr nur kurz.

Die Hoffnung von Janinas Eltern, dass es so schlimm schon nicht werden würde, erlosch im Hagel der Raketen. Sie hätten es vielleicht schon kommen sehen können, damals im Frühsommer 2014. Da erzählten Bekannte aus der südostukrainischen Hafenstadt Mariupol, dass Bewaffnete sie angehalten, die Wagenpapiere verlangt und gesagt hätten, das Auto werde für die „ukrainische Revolution“ gebraucht. Auch, als sie sich im Sommer zum ersten Mal im Lebensmitteladen vor Männern in Uniform mit Gewehren am Anschlag ausweisen musste, schob die 56-Jährige noch allzu ängstliche Gedanken weg. Nun ist längst Gewissheit, dass der Krieg auch ihre Heimat nicht verschonen würde.

Jeden Tag versucht Janina, mit ihren Eltern zu sprechen. Noch funktioniert das – meist über Skype. Gemeinsam mit ihrem Freund Sergej sitzt sie auf der Couch im Wohnzimmer oder in ihrer offenen Küche. Rund 40.000 Ukrainer leben in Deutschland. Sie leiden seit Monaten mit den Freunden und Angehörigen in ihrer Heimat. So wie Janina.

Trotz Waffenruhe: Gefechte in Debalzewe

In der Küche empfängt sie an diesem Abend auch ihre Gäste. Gekommen sind diesmal, wie so häufig in den vergangenen Monaten, Sergejs Kollege und Freund Alexander sowie dessen Sohn Konstantin. Sie alle stammen aus der Ukraine und haben Freunde und Familie in vielen Städten des Donbass, in denen der Konflikt ausgetragen wird: Mariupol, Donezk, Debalzewe. Sie teilen die gleichen Sorgen. Wo der Konflikt andere trennt, schweißt er hier Menschen zusammen. Sergej und Alexander verbringen auch ihre Pausen im Job oft gemeinsam. „Früher ging es dann um Fußball und Frauen“, sagt Sergej und lacht leise. Jetzt gehe es nur noch um Politik.

Artemiwsk liegt in der Oblast Donezk, also dem Verwaltungsbezirk Donezk, und zählte bis zum Konflikt gut 77.000 Einwohner. Wie viele es jetzt noch sind, ist unklar. Klar ist nur: Es gehen immer mehr Einwohner – und es kommen immer mehr Flüchtlinge. Der Ort befindet sich in der Pufferzone zwischen den ukrainischen Streitkräften und den prorussischen Rebellen. Wenn der Konflikt trotz des zweiten Minsker Abkommens weiter eskaliert, dann eskaliert er auch hier.

Schon seit dem ersten Tag der Krise waren die Fronten unklar. Die vielen Bewaffneten hätten keine Abzeichen an den Uniformen gehabt, berichten die Freunde der kleinen Dortmunder Schicksalsgemeinschaft. Auch die Konvois seien ohne Kennzeichen unterwegs gewesen. Es kursierten Gerüchte, dass prorussische Einheiten einfach die ukrainische Flagge gehisst hätten, um ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu durchqueren – und umgekehrt. Unabhängig bestätigt sind diese Vorwürfe nicht. Wer in diesem Konflikt was tut, und wo genau wer gegen wen kämpft – das wissen selbst die Menschen nicht, die mittendrin sind.

*Aus Angst um Freunde und Familie im Donbass baten Janina und ihre Freunde darum, ohne Nachnamen genannt zu werden und auf die Nennung der Namen ihrer Angehörigen in der Ukraine zu verzichten.

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„Wir nennen Debalzewe nur noch das ,kleine Stalingrad‘“
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24 Kommentare zu "Ukraine-Konflikt: Nur immer schlimmer"

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  • Die Menschen, deren Schicksal und deren Ansichten in diesem Artikel zur Sprache kommen sind wohl das beste Beispiel dafür, dass die meisten Politiker offenbar keine Ahnung über den Alltag und die wirklichen Bedürfnisse der von ihnen Regierten haben. Und dafür, dass Patriotismus und erst recht Nationalismus noch nie zu was Gutem geführt haben. Sprich: In der heutigen globalisierten Welt längst obsolet sind. Außerhalb der Politik hat das offenbar schon fast jeder gemerkt.

  • Die USA sind wahnsinnig, trotz der deutlichen Warnungen aus Peking überschreiten sie damit eine rote Linie und gehen volles Risiko; es ist nicht anzunehmen, dass Putin dabei tatenlos zuschaut.

    Wie schlimm muss es um die USA (DOLLAR) stehen, wenn sie dieses völlig unkalkulierbare Risiko eingehen…?

  • Kann der Bürger Deutschlands und der EU Merkel und Brüssel vertrauen, wenn es darum geht, einen grossen Krieg gegen Russland zu verhindert?

    Mein Glaube daran ist leider gering!

    Denn Merkel und Brüssel haben schon einmal einen grossen Verrat an den Bürgern begangen: sie haben unsere finanzielle (Alters-)Absicherung zugunsten der grossen Banken verkauft!

  • USA und GB schicken massenhaft “Ausbilder” in die Ukraine. Ausbilden kann man nur an den entsprechenden Waffen. Also müssen diese auch dort sein.
    Die Nato rüstet die Baltischen Staaten auf.
    Deutschland liefert Panzer nach Polen und was sonst noch.

    Dieser “Pseudo-Waffenstillstand” dient meiner Meinung nach nur zum Zeitgewinn und Aufrüstung der Nato im Osten. Sozusagen eine “Kaffeepause am großen Schachbrett”, weil man festgestellt hat, dass die ukrainische Armee für das Spiel zu schwach ist.

    Wenn das alles abgeschlossen ist, wird versucht, die Ukraine als Ganzes zurück zu holen.

    Putin ist nicht dumm. Auch sein Geheimdienst weiß, was gespielt wird. Was wird er tun?

    Angst macht mir nur Europa, die Politiker treiben uns in unser Verderben.

  • USA schicken Fallschirmjäger-Bataillon in die Ukraine

    Quelle: DWN

    Die USA entsenden ein Bataillon von Fallschirmjägern in die Ukraine. Die Soldaten sollen zunächst die ukrainische Artillerie-Einheiten ausbilden. Später könnten die Amerikaner die Ukraine beim Einsatz von US-Waffen unterstützen. Russland hatte bereits vor Monaten angekündigt, den Einsatz von US-Soldaten oder Waffen in der Ukraine als Provokation zu klassifizieren.
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    Das kann man nur als hirnlos bezeichnen.
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    Wer es wissen will, welche Folgendes haben kann, bei einem Schritt zu weit…,

    orientiere sich auf youtube bei Willy Wimmer oder noch deutlicher unter dem Stichwort:

    ”Russland – Bei Angriff der NATO auf die Ukraine werden Washington und Berlin eingeäschert”.

  • Nie wieder Krieg in Europa, Frau Merkel

    Frau Merkel, Deutschland muss endlich wieder eine ruhige, schlichtende, unabhängige Ost- und allgemeine Außenpolitik einleiten, um einen Konflikt zwischen den USA und Russland, ausgetragen in Europa (!!), zu verhindern.

    Im nuklearen Zeitalter vergibt die Geschichte nicht wieder!

    Deutschland, Europa und die Welt brauchen daher Frieden, der Freiheit und Wohlstand bringen wird, und dass heißt das Ende der City und Wall Street Herrschaft!

    Deutschlands – und Ihre besondere Verantwortung, Frau Merkel – liegt im Kern darin, den Frieden in Europa zu erhalten, das heißt. Frieden und Ausbau der Handelsbeziehungen mit Russland!

  • Nur wie soll Minsk II umgesetzt werden wenn Kiev sich nicht daran hält. Wenn ich mich recht erinnere, war ja ein Punkt, dass alle ausländischen Militärs abgezogen werden sollen. Aber nun lese ich heute, das dieser Tage rund 300 US Militärs in die Ukraine versetzt werden? Und wie unterstützt das den Frieden – oder soll der eben nicht stattfinden?

  • Es kann doch langsam wirklich niemand mehr auf der Welt mit einem Funken Verstand irgendetwas gutes an der "Außenpolitik" der USA/Israels finden...

    Überall nur noch Lug & Trug, ich BITTE jeden Journalisten inständig auch mal an seine Kinder zu denken, an seine Geschwister, an seine Eltern, will man die auf ewig belügen, so dass Sie eig. "gebückt" durchs Leben gehen müssen?

    Lasst uns endlich alle AUFSTEHEN und den Regierungen in Amerika und Israel die ROTE Karte zeigen, wir wollen so etwas nicht auf unserem Planeten. Wir wollen zusammenleben, uns verstehen, keiner soll hungern oder auf der Straße sterben, wir wollen keinen Rassismus und nicht durch Religionen "dummgehalten" werden. Wir wollen LEBEN und zwar miteinander!!!

  • Die "Zeugin", seit über drei Jahren wohl die Lebensgefährtin von Nemzow, hatte nichts gesehen, der Täter kam aus ihrem Rücken und als sie sich umdrehte war er angeblich schon in einem wartenden Auto verschwunden. Zum Fahrzeug konnte sie sich auch nicht äußern. Diese Frau hat so wenig mitbekommen als wäre sie nicht dabei gewesen.
    Beteiligte Polizisten sprachen es aus, diese Frau war kälter als die berühmte Hundeschnauze und wollte nur noch weg. Die in Moskau stattfindenden Trauerfeiern werden diese Person auch nicht sehen, sie ist schon in Kiew und da wird sie auch bleiben!

    In einem Jahr mal schauen wer der neue offizielle Stecher dieser “Dame“ ist und dann ganz tief graben!!!

  • China hat sich in der Ukraine-Krise erstmals klar auf die Seite Russlands geschlagen: Der Westen müsse Moskaus legitime Sicherheits-Bedenken ernst nehmen. Die Auseinandersetzung um die Ukraine könne sonst in einen sinnlosen Stellvertreter-Krieg ausarten. Die Amerikaner müssten zur Kenntnis nehmen, dass ihr Einfluss in der internationalen Politik schwinde.
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    Meine Meinung: Russland hat jahrelang mit offenenen Armen dagestanden und dem Westen einen offenen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok angeboten. Der Westen hat mit Arroganz, Ablehnung, Aggression und Demütigung geantwortet.
    Nun wendet sich Russland Asien zu. Die Chinesen werden cleverer sein. Mal schauen, wie das dem alternden und völlig verschuldeten Westen bekommen wird. Der wirtschaftliche Niedergang ist nun nicht mehr aufzuhalten. Die unruhigen Zeiten haben gerade erst begonnen. Gute Nacht Europa ...und USA mit Pleite Dollar sowieso !!

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