Ukraine-Krise
Die Gestrandeten von Kiew

Abgemagert, verzweifelt, völlig entkräftet: Tausende Ukrainer sind auf der Flucht vor dem Krieg. Zu Hunderten kommen sie täglich unter anderem am Kiewer Hauptbahnhof an. Doch ihr Martyrium ist dort oft nicht zu Ende.
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KiewDie Szenen wiederholen sich in diesen Tagen auf dem Kiewer Hauptbahnhof, einem stalinistischen Bau inmitten der Millionenstadt: Um Punkt 11.30 Uhr fährt der Zug Nummer 334 aus Kostjantiniwka, einer Stadt im Oblast Donezk, ein. Seit Tagen bringt dieser Zug ausschließlich Flüchtlinge aus den umkämpften Gebieten der Regionen Donezk und Lugansk.

Alleine an diesem sonnigen, aber bitterkalten Februartag waren 239 Menschen an Bord. Eine von den vielen Gestrandeten ist Valentina. Die Rentnerin ist am Ende ihrer Kräfte. Im dunkelblauen Wintermantel sitzt sich im Wartesaal am Kiewer Hauptbahnhof und weint bitterlich.

Ihr Sohn wolle sie gleich abholen, warum er noch nicht da ist, weiß sie nicht. Eine Mitarbeiterin des ukrainischen Roten Kreuzes fragt die 72-Jährige, ob sie Medikamente brauche und reicht ihr zwei Beruhigungstabletten.

Als sie der alten Frau den Blutdruck messen will und Valentina ihren Mantel und die Ärmel ihrer drei Pullover hochschiebt, wird das ganze Elend sichtbar. Der Arm besteht nur noch aus Haut und Knochen, ihre Haut hat einen ungesunden gelblichen Ton angenommen. „Was denken Sie, wie ein Mensch aussieht, der seit zwei Monaten im Keller lebt?“, wehrt Valentina alle Fragen ab. Sie habe in einem Vorort der Großstadt Donezk gelebt, in Pesky, einem seit Wochen umkämpften Gebiet.

Sie und ihr Mann hatten eine schöne Wohnung in einem Vier-Parteienhaus. Zuletzt war Valentina die einzige, die noch da war. „Im Keller waren es bloß fünf Grad über Null“, berichtet sie und muss ihre Tränen zurückhalten. Als sie auf ihren Mann angesprochen wird, kann sie ihre Trauer nicht mehr zurückhalten und sagt: „Den haben wir vor ein paar Tagen beerdigen müssen“. Was mit ihm passiert ist, bleibt offen.

Viele Flüchtlinge sind alte Leute wie Valentina, einige auf Rollstühle und Gehhilfen angewiesen. Shanna Tsenilowa steht mit ihren Kollegen am Bahnsteig 1, sie ist von der ukrainischen Sektion der Weltgesundheitsorganisation WHO und hat ein Auge auf verletzte Personen. Auch eine Gruppe des Internationalen Roten Kreuzes und eine des Uno-Flüchtlingswerks UNHCR stehen mit ihren weiß-roten oder hellblauen Oberteilen am Gleis.

Das Kommando am Bahnhof hat jedoch Anatoli Kornejew. Er ist Psychologe beim Innenministerium der Ukraine und koordiniert mit mehreren hundert Mitarbeitern die Ankunft der vielen Flüchtlinge am Bahnhof. In der Wartehalle, einem Saal mit sechs Meter hohen Decken und kunstvoller Wand- und Deckenmalerei, hat er sein Hauptquartier aufgeschlagen.

Kommentare zu " Ukraine-Krise: Die Gestrandeten von Kiew"

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  • Endlich sagt es mal einer! - Zitat: Europa und Russland hätten eine "gemeinsame Kultur", sagte Sarkozy vor Mitgliedern seiner konservativen Partei UMP in Paris. Darum hätten die USA und Europa im Verhältnis zu Russland auch andere "Interessen". Zur Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim durch Russland sagte Sarkozy, dies könne den Bewohnern der Krim nicht "vorgehalten" werden. "Die Krim hat sich für Russland entschieden", sagte der Ex-Präsident. (AFP) Endlich spricht es mal einer aus! - Genau so sieht es nämlich aus – es geht nicht um ”das Recht“, es geht einzig und allein um Interessen. Und in der Tat sind unsere (europäischen) Interessen nicht mit denen der USA identisch. Europa sollte sich endlich ganz offiziell auf seine eigenen Interessen besinnen und zu einer gedeihlichen Zusammenarbeit mit Russland kommen. - EIN AUSTRITT ALLER EUROPÄER AUS DER NATO WÄRE ALSO FOLGERICHTIG !!!! - Falls unsere glorreiche Regierung weiter von den Amerikanern am Nasenring durch die Manege ziehen lässt, ist es wohl an der Zeit, die Französischkenntnisse etwas aufzufrischen, denn wenn hier die Raketen einschlagen, ist es doch besser man ist in einem neutralen Land.

  • Es sind mittlerweile schon über eine Million Ukrainer nach Russland geflüchtet. 442.000 Menschen haben dort Asyl beantragt und würden gerne auch in Russland bleiben wollen. - Und auch die Wehrpflichtigen laufen nach Russland über, dem angeblichen Aggressor, um sich vor Krieg verstecken zu können. - Russland war dadurch gezwungen die kurzfristigen Aufenthaltsgenehmigungen zu verlängern, damit die jungen Männer nicht sinnlos sterben brauchen. - So tolerant und gutmenschlich ist der russischer Aggressor.

  • Der ukrainische Präsident Poroschenko steht unter enormen innenpolitischen Druck. Setzt er seinen Standpunkt durch und stimmt einem Kompromiss zum Frieden zu wird es in Kiew zu Tumulten und zum Sturz des Präsidenten kommen. - Lt. internen Information haben die Partei des Ministerpräsidenten Arsenjuk und die Kräfte der von den Oligarchen finanzierten Freiwilligen Batallione kein Interesse an dem Zustandekommen eines Abkommens. Deshalb haben sie auch gestern eine Offensive auf die Stadt Mariopol gestartet. - Es muss alles unternommen werden, um diese Kräfte zum Frieden zu bewegen, denn das Blutvergießen muss endlich beendet werden !!!

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