Ukraine-Krise: Warum Debalzewe so wichtig ist

Ukraine-Krise
Warum Debalzewe so wichtig ist

Zu Hunderten fliehen ukrainische Soldaten aus Debalzewe, die Separatisten haben den strategisch wichtigen Knotenpunkt unter Kontrolle. Mit dem Fall der Stadt entscheidet sich: Gibt es Krieg oder Frieden in der Ukraine?
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KiewDie Stadt Debalzewe ist ein Schlachtfeld. Das unabhängige ukrainische Fernsehen „Hromadtske TV“ zeigte am Vormittag Live-Aufnahmen aus dem 25.000-Seelen-Ort. Die Bilder zeigen, wie Soldaten ganzer Einheiten ihn zu Fuß verlassen. Einige sprechen mit dem Reporter. Was sie sagen, ist eine Ohrfeige für die Militärführung in Kiew: „Das war's, der Krieg ist verloren, wir ziehen ab“, sagt verbittert ein Soldat mit schwerer Ausrüstung und vermummtem Gesicht.

Sein Kamerad beklagt, dass es seit Tagen keinerlei Nachschub gegeben habe: „Unsere Männer der 128. Brigade haben seit fünf Tagen nichts gegessen. Wir haben keine Munition mehr und sonst auch nichts“, sagt der junge Mann voller Verbitterung.

Auch im Internet wird über die Taktik der ukrainischen Führung in Sachen Debalzewe heftig gestritten. Nachdem die Kleinstadt im Osten des Landes am Dienstag von pro-russischen Separatisten erobert wurde, stellen sich in Kiew immer mehr Menschen die Frage, wieso die ukrainische Armee erneut eine militärische Niederlage erleiden musste. Warum ist Debalzewe so wichtig für die Separatisten?

Volodymir Parasjuk, ehemaliger Maidan-Kämpfer, Ex-Soldat des Freiwilligen-Bataillons „Dnipro“ und seit vergangenen Oktober parteiloser Abgeordneter im ukrainischen Parlament, erhebt auf Facebook schwere Vorwürfe gegen Präsident Petro Poroschenko.

„Das, was in Debalzewe abläuft, ist kein Waffenstillstand. Dort wird der Spieß gegen das eigene Volk gerichtet“, schreibt der 26-Jährige. Der Führung in Kiew sei das „Schicksal der einfachen Soldaten total egal“. Während die Truppen mit aller Macht versucht hätten, die Stadt zu halten und seit Tagen um „Nachschub betteln“, sei der Präsident offenbar mehr an seinen diplomatischen Abmachungen interessiert. „Herr Präsident, wie viele von den besten Söhnen des Landes wollen Sie noch umkommen lassen?“, klagt Parasjuk an.

Auch andere Beobachter stellen sich die Frage, wieso die ukrainische Regierung bis vor wenigen Tagen, konkret bis zum vergangenen Donnerstag, noch darauf bestanden hatte, die Stadt um jeden Preis zu halten und nach den Verhandlungen in Minsk dort nun das Feld den Russen überlässt. „Es spricht vieles dafür, dass Poroschenko mit dem Deal, den Separatisten die Stadt Debalzewe zu überlassen, Putin entgegengekommen ist“, schreibt die Tageszeitung Komsomolskaya Prawda.

Für die Separatisten sei nun der Weg nach Russland frei. Sie können ihre besetzten Gebiete in den Oblasten Donezk und Lugansk nun dauerhaft logistisch versorgen. In Debalzewe, zwischen Luhansk und Donezsk, befindet sich ein wichtiger Bahnknotenpunkt, der die Ost- und Südost-Ukraine nach Norden mit Russland bis nach Moskau verbindet. So können die selbsternannten „Volksrepubliken“ Donezk und Lugansk nun mit Gütern beliefert werden. Auch zwei Fernstraßen führen an Debalzewe vorbei, ebenfalls wichtige Lebensadern für die „Volksrepubliken“.

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Tagelange Hilferufe der ukrainischen Soldaten

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  • Sehr geehrter Herr Thomas Podgacki, Ja, da liegen Sie richtig - die direkt von dem Ivan bedrohte Staaten wollen näher NATO sein. Stimmt. Wobei Polen war schon immer sehr enthusiastisch was NATO angeht, möglicherweise deswegen weil sie über 50 Jahren den russischen Okupanten gedulden mussten. Jetzt sind sie sehr besorgt, stimmt. Aber in der Tat, russische Truppen aus dem Kalinigrad können binnen 6 Stunden in Warschau sein, und nur dann, wenn sie sich etwas unterwegs verlfahren. Was würde dann NATO dazu sagen? Es gab schon einen Vorfall: 1939. Theoretisch gab es Abkommen usw. aber haben die westlichen Allierten tatsächlich etwas gemacht? Nein, bloß zugeschaut. All diese Länder die die Wahrheit von Russland sehr gut kennen und diesen Schatten so deutlich spüren, fragen sich jetzt: wenn NATO der Ukraine nicht hilft, wieso soll sie uns helfen? Abkommen ist nur ein Papier - schauen Sie Garantien für die Ukraine. Einzig gültiger Argument mit Russland war und ist immer nur pure Macht. Waffen. Insbesondere von dem verrückten KGBisten kann man nicht erwarten, dass er Verträge auf dem Papier respektiert. KGB. Dort waren keine Engel angestellt. Wie viel Leute hat der KGBist aus Kremlin umgelegt mit eigenen Händen? Denkt er immer noch wie eine einigermaßen "normale" Person oder ist schon völlig von den Träumen über Großrussland bessesen?

  • Es ist logischerweise das passiert , was Putin nicht wollte.
    Staaten wie Finnland und Schweden haben ihre Lage nochmals überdacht und sind näher an die Nato gerückt. Dieses erhöhte Sicherheitsbedürfnis ist auch in den baltischen Staaten, Polen und Moldawien zu erkennen. Man versucht sich eben gegen die Agression abzusichern.

    Schönen Abend noch

  • "Wunderbare Freiheit erwartet die Bürger in der Ost Ukraine."

    Na die Freiheit die eigene Sprache sprechen zu dürfen, ist leider in der National befreiten Ukraine von Yaz und seinen US-Proteges für Russen nicht mehr selbstverständlich. Wozu der US-Kapitalismus führt, den Yaz im Auftrag seiner Herren gerade einführt, hat man ja in Russland unter Jelzin gesehen. Tolle Demokratie! Und im übrigen: Was nützen ihnen 95% "freie" Sender, die in freiwilliger Gleichschaltung oder brainwashed durch intransparente atlantische Seilschaften mit ihrer quasi-religiöser Weltherrschaftsideologie alle den gleichen Ressentiment-Müll zu senden?

    Nee nee, so einfach ist die Lage nicht, wie sie sie gerne hätten. Der US-Kapitalismus mit seinem Falschgelddollar und Finanzgiftmüll ist am Ende und versucht in einer Art Panikblüte vor dem Abnippeln seinen giftigen Samen möglichst weit in der Welt zu verstreuen und von den 50 Millionen Essenmarkenempfängern, die er in Gods own Country (manche sagen auch einfach Mordor) produziert, abzulenken oder seine Probleme zu exportieren.

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