Ukraine und die Wirtschaft: Die Angst vor „griechischen Verhältnissen“ geht um

Ukraine und die Wirtschaft
Die Angst vor „griechischen Verhältnissen“ geht um

Die Wirtschaft der Ukraine liegt am Boden: Die Inflation verharrt auf Rekordhöhe, der Reformkurs stoppt. Die Preise kennen dagegen nur eine Richtung: nach oben. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Kollaps wächst.
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KiewIm Billa-Supermarkt im Stadtzentrum von Kiew widerholt sich täglich dasselbe Szenario: Die Mitarbeiter passen die Preise an, jeden Tag mehrfach und immer in nur eine Richtung. „Es geht nur noch nach oben“, klagt eine Kundin. Seit Neujahr habe sie lediglich das Nötigste an Lebensmitteln gekauft.

„Luxus oder mal was außer der Reihe ist gestrichen“, berichtet sie. Ihren Namen will sie nicht nennen. „Wissen Sie, früher, das heißt, vor der ganzen Unruhe der Proteste und des Krieges, hatten wir es zwar auch nicht leicht, aber es gab eine gewissen Stabilität“, beklagt die etwa 40-Jährige.

Sie verpackt ihre Einkäufe: Brot, Eier, Zwiebeln und eine Tüte Reis und verlässt das Geschäft. Die Filiale des Lebensmittelgeschäfts liegt direkt am Maidan. Dort, wo im vergangenen Winter tausende Demonstranten monatelang für eine neue Regierung und eine europäische Integration der Ukraine demonstriert haben.

Jetzt, mehr als ein Jahr später, könnte die Lage im Land katastrophaler nicht sein. Im Osten tobt seit Monaten ein Krieg, im übrigen Land spüren die Menschen vor allem den Verfall ihrer Währung. Seit Februar vergangenen Jahrs verlor die Griwna über 60 Prozent an Wert.

Immerhin ist der Staatsbankrott der Ukraine zwar vorerst abgewendet, denn der Internationale Währungsfonds (IWF) hat am Donnerstag neue Milliardenkredite für das wirtschaftlich und politisch stark angeschlagene Land genehmigt. Kiew soll bis 2019 umgerechnet 35 Milliarden Euro aus Mitteln des IWF und anderer Geldgeber erhalten, obwohl in der Ukraine bislang die Reformen nicht auf den Weg kommen.

Nun regiert seit fast einem Jahr eine als pro-westlich, zumindest aber pro-ukrainisch zu bezeichnende Regierung das Land. Ministerpräsident Arsenij Jazenjuk hatte den Ukrainern bei seinem Amtsantritt, Ende Februar 2014 einen beinharten Reformkurs angedroht. Zwar wurde im Mai 2014 ein neuer Präsident gewählt und im Oktober vergangenen Jahres ein neues Parlament. Seitdem wurden unzählige Reformabsichten zu Papier gebracht.

Die zweite Regierung Jazenjuk kündigte Ende vergangenen Jahres unter anderem die Privatisierung von 1200 Staatsbetrieben an. Der Energiesektor soll grundlegend umstrukturiert werden, eine eigens geschaffene Anti-Korruptionsbehörde soll Bestechung und Intransparenz verhindern. Einzig die Umsetzung fehlt oder geschieht auf eine Art, die Zweifel am Willen an einem grundlegenden Umbau der Ukraine lauter werden lassen.

Zwei Beispiele aus dieser Woche verdeutlichen dieses Dilemma: Der umstrittene Generalstaatsanwalt Valeri Jarema, den Präsident Petro Poroschenko vergangenes Jahr eingesetzt hatte, reichte seinen Rücktritt ein. Ihm wird vorgeworfen, die Justizreform zu behindern.

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  • Der Vergleich mit Griechenland hingt. Gewaltig. Fast die ganze Ukraine sitzt auf einer riesigen Schieferplatte. Eine Energiereserve um ganz Europa mit fossielen Energien versorgen zu können. Der Konflikt würde mit Sicherheit nicht so hart geführt werden , wenn es sich nur um Ödland handeln würde.

  • "Die Angst vor dem wirtschaftlichen Kollaps wächst. "

    Wie überall, wo die Amis den Regime Change von außen ins Land getragen haben, um ihren Kapitalismus zu installieren. Nur eine weitere Kerbe in der Winchester von Uncle Sam: Afghanistan, Kosovo, Irak, Libyen, Syrien, Ukraine...

  • Die Gelder werden immer nachfragewirksam bei dem landen der sie locker gemacht hat.

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