Umbruch in Osteuropa
Größenwahn noch bei der Hinrichtung

In Rumänien fordert das Umbruchjahr 1989 mit Diktator Nicolae Ceausescu sein prominentestes Todesopfer. Ein Militärgericht verurteilte ihn und seine Frau zum Tode. Über die letzten Tage eines wahnsinnigen Machtmissbrauchs.

BERLIN. "Patrioten" - so wurden im Rumänien Nicolae Ceausescus die Hühnerfüße genannt. Denn es war das einzige Fleisch, das der rote Diktator seinen Landsleuten gönnte. Ceausescu hatte sein Land auch mit Fleischexporten lange über Wasser gehalten - ohne Rücksicht auf Verluste. Wer aufmuckte, wurde von der berüchtigten Geheimpolizei Securitate geholt. Deshalb war der Generalsekretär der Kommunistischen Partei (KP) und Staatspräsident seinem Volk am Ende so verhasst, dass er als einziger der im Zuge der Demokratisierung im Osten Gestürzten auch hingerichtet wurde.

Sein Größenwahn und der Personenkult machten Ceausescu zu einem der wirrsten KP-Chefs des Ostens. Eine Reise nach China und Nordkorea ließ bei ihm die Sehnsucht aufkommen, auch ein "geliebter Führer" sein zu wollen. Als sich der aus ärmlichen Verhältnissen aufgestiegene Bauernsohn dann 1974 zum Präsidenten wählen ließ - ein Amt, das es vorher in Rumänien nicht gegeben hatte - musste er fortan "Conducator" genannt werden. Ein "Führer" wie unter den Faschisten, die er als Jungkommunist erbittert bekämpft hatte und die ihn mehrfach in Haft gesteckt hatten. Aber auch "Großer Kommandant" gefiel ihm, "Sohn der Sonne" oder "Titan der Titanen".

Dabei war Ceausescu so paranoid, dass er aus Angst vor einer Vergiftung kein Kleidungsstück ein zweites Mal anzog. Vor obligatorischen Fabrikbesuchen mussten Hundertschaften von Geheimdienstlern nicht nur alle Arbeiter filzen, sondern auch die Hallen klinisch steril putzen. Der Personenkult schloss auch Ehefrau Elena gleich mit ein, die Ceausescu "liebende Mutter der Nation" nennen ließ. Schlimmer noch als Margot Honecker in der DDR erlangte Ceausescus Gattin erheblichen Einfluss auf die Politik ihres Mannes.

Im Kampf gegen "innere Feinde" und Michail Gorbatschows Perestrojka konnte sich Ceausescu auf die Securitate verlassen: "Durch die Verleumdung wird einem die Seele geraubt. Man ist nur noch monströs umzingelt", erinnert sich die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller noch heute, viele Jahre nach ihrer Ausreise, an die Drangsalierung durch die Geheimpolizei. Doch auch 20 Jahre nach der Hinrichtung Ceausescus begebe sie sich auf "eine Reise in eine andere Zeit", wenn sie nach Rumänien fahre. Viel tiefer als die Stasi waren die Securitate-Schergen in der Gesellschaft verankert - und sind noch heute verbandelt.

Ceausescus Lebenslauf verlief alles andere als gerade: Der "gefährliche kommunistische Agitator und aktive Verteiler kommunistischer und antifaschistischer Propaganda", wie ihn die Polizeiakte von 1934 brandmarkte, zog 1946 als Abgeordneter in die Nationalversammlung ein. 1965 wurde er Generalsekretär der KP, zwei Jahre später Staatsratsvorsitzender. Er war der erste Ostblock-Führer, der 1967 die Bundesrepublik diplomatisch anerkannte. Ein Jahr später verurteilte er die Niederschlagung des "Prager Frühlings" durch einrollende Sowjetpanzer und biederte sich 1969 bei US-Präsident Richard Nixon an. 1971 erhielt er die Sonderstufe des Großen Kreuzes der Bundesrepublik.

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