Umsiedlungen für RWE-Tagebau
Leben am Loch

Im Rheinischen Braunkohlerevier geht eine Ära zu Ende: Die letzten Umsiedlungen stehen an. Doch für die Betroffenen, die dem Tagebau weichen müssen, ist es nicht damit nicht vorbei. Der Schmerz des Verlustes bleibt.

ErkelenzWilfried Lörkens hatte ein Wasserschlösschen in Borschemich – einen stattlichen Backsteinbau mit Turm, großem Tor, Garten und Obstwiese drumherum. Als es an der Zeit war, sagte ihm die Oma: „Jung, für uns war es auch nicht immer einfach. Du musst uns versprechen: Guck, dass das hier nicht unter den Hammer kommt.“ Lörkens hat es nicht geschafft. Das Schlösschen ist zwar nicht unter den Hammer, aber unter den Bagger gekommen. Es ist abgerissen und existiert nicht mehr.

Im Rheinischen Braunkohlerevier stehen nach 63 Jahren die letzten Umsiedlungen an. Die fünf Erkelenzer Ortschaften Keyenberg, Unter- und Oberwestrich, Kuckum und Berverath mit rund 1600 Menschen müssen Platz machen, damit die Kohle ausgebaggert werden kann. Lörkens hat das hinter sich. Physisch zumindest.

Jetzt sitzt er in der neuen modernen Küche seines neuen Hauses im neuen Erkelenzer Dorf Borschemich. Borschemich (neu) heißt das. Alle Straßen haben hinter dem Namen den kleinen Zusatz (neu). Sätze wie diese sagt der 65-Jährige so beiläufig, dass man sie überhören könnte: „Es gibt Nächte, da kommt alles wieder hoch.“ Vor rund einem Jahr musste er raus aus seinem Schlösschen. Die Bilder von dem uralten Anwesen, das zuletzt über 180 Jahre in Familienbesitz war, muss er erst aus den Umzugskisten kramen.

Ein paar davon stehen immer noch oben. „Die Bilder sollen mal in den Flur“, sagt Lörkens. Er legt Gemälde und Fotografien auf den Küchentisch. Aber jetzt tut das alles noch zu weh: Dass er sein Versprechen nicht halten konnte. Dass sich die Wertschätzung des Energiekonzerns RWE vor allem auf den Kubikmeter umbauten Raum beschränkte. Und dass jetzt nichts mehr davon da ist.

Tochter und Schwiegersohn hatten am Ende für ihn die Umzugskartons packen müssen. Er konnte nicht mehr. Jetzt sind seine Sachen da. Auch sein alter Trecker. „Der Trecker kommt nicht weg. Da hab ich das Fahren drauf gelernt“, sagt er emotionslos. Lörkens meint, dass es ihm wieder etwas besser geht.

Drüben, zehn Kilometer entfernt, ist Lörkens alter Heimatort Borschemich – oder was davon übrig ist. Es geht vorbei an Feldern, Kühen und intakten Dörfern, die als nächstes dran sind. Eigentlich wollte der Mann nicht mehr an diesen trostlosen Ort mit den paar übrig gebliebenen Häusern, den zugenagelten Fenstern, den Schuttbergen davor. Er weiß, wie schlecht es ihm noch Tage danach geht. An den Grundmauern seines alten Schlösschens arbeiten die Archäologen.

Von 1953 bis zum Abschluss der letzten Umsiedlungen in etwa zehn Jahren werden nach Angaben der Bezirksregierung Köln knapp 42.000 Menschen im Rheinischen Revier ihre Heimat verlassen haben. Für die meisten eine Belastung: ob davor, danach – und selbst, wenn die Umsiedlung gestoppt wird, wie im Erkelenzer Ort Holzweiler.

Ein Mann, der den Archäologen bei den Grabungen in Borschemich hilft, lebt in Holzweiler. Das ist der Ort, der „gerettet“ wurde, weil die nordrhein-westfälische Landesregierung im Juli eine Verkleinerung des Tagebaus beschlossen hatte. Der Mann ist froh, dass er nicht wegziehen und neu anfangen muss: „Man bekommt zwar Geld für sein Haus, aber man hat keine Kraft mehr zu bauen. Für die Jungen ist das was anderes.“ Seinen Namen möchte er nicht sagen – Glück oder Unglück, darüber gehen die Meinungen im Ort sehr auseinander.

Das sagt auch Brigitte Kaulen von der Bürgerinitiative „Perspektive für Holzweiler“. Vor 22 Jahren, als ihre Kinder noch klein waren, ist sie ins Dorf gezogen, und kämpft jetzt für eine Überlebenschance nach der Rettung. „Es muss etwas passieren, sonst sterben wir auch ohne Umsiedlung“, sagt sie.

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