Umstrittene Pläne in der Türkei
Unerwünschte Petrodollar am Bosporus

Geht es nach Scheich Mohammed Raschid el Maktoum, dem Kronprinzen von Dubai, bekommt die türkische Wirtschaftsmetropole Istanbul bald ein neues Wahrzeichen: 330 Meter hoch sollen im Büroviertel Levent die Dubai Towers in den Himmel wachsen – Teil eines fünf Mrd. Dollar schweren Investitionsprogramms der Dubai Holding am Bosporus.

ISTANBUL. Aber viele Istanbuler fragen sich, ob die Wolkenkratzer in die Skyline ihrer Stadt passen. Die ist bisher von schlanken Minaretten und mächtigen Kuppeln geprägt. Das Hochhausprojekt zeuge von „Respektlosigkeit gegenüber der Geschichte“, kritisiert die türkische Architektenkammer.

„Man kann nicht erwarten, dass die Leute von Dubai wissen, was es bedeutet, in einer historischen Stadt zu leben, in der sich viele Schichten unterschiedlicher Kulturen überlagern“, sagt der Kammervorsitzende Oktay Ekinci. Bürgermeister Kadir Topbas dagegen verteidigt das Vorhaben: Istanbul müsse in der „internationalen Liga“ mitspielen, wenn die Stadt Investitionen und Touristen anlocken wolle.

Die Dubai Towers sind nicht das einzige umstrittene Projekt. Nahe der Galatabrücke soll am Bosporus für 4,3 Mrd. Dollar „Galataport“ entstehen: Hotels, Einkaufszentren, Piers für Kreuzfahrtschiffe, denen zahlreiche alte Gebäude weichen müssen. Ein ähnlicher Komplex ist am gegenüber liegenden Ufer der Meerenge rund um den historischen Haydarpasa-Bahnhof geplant, einst Ausgangspunkt der Bagdadbahn. Dort soll „Istanbuls Manhattan“ entstehen, wie Kritiker fürchten.

Nicht nur die Dimensionen dieser Projekte sorgen für Kontroversen. Auch den ausländischen Investoren begegnen viele Türken mit Misstrauen. Vor allem aus arabischen Ländern fließen Öl-Milliarden nach Anatolien. Die Dubai Towers sind nur das jüngste Beispiel. Im Juli übernahm die saudische Oger Group für 6,55 Mrd. Dollar 55 Prozent von Türk Telekom. Am laufenden Bieterverfahren um die Mobilfunkgesellschaft Telsim beteiligen sich Emirates Telecom und Orascom, der größte Fernmeldekonzern des Nahen Ostens. Rund zwölf Mrd. Dollar haben arabische Investoren 2005 der Türkei in Aussicht gestellt, „und das ist erst der Anfang“, sagt Mehmet Hadra. Der Vorsitzende der türkisch-arabischen Unternehmervereinigung erwartet in den nächsten drei Jahren weitere 15 Mrd. aus Nahost. Vorbehalte gegen den Zustrom arabischen Kapitals gibt es auch in Kreisen der Militärs, die sich als Wächter über die Westorientierung des Landes sehen.

Wirtschaftsminister Ali Babacan verteidigt die Politik der Regierung: „Wir haben Jahrzehnte verloren, weil wir über die ,Farbe’ von Investitionen diskutierten. Wir müssen unsere Türen für jede Art von Kapital öffnen.“ Ministerpräsident Tayyip Erdogan hilft dabei. Er warb Monate auf Reisen nach Kuwait, Oman, Jemen und in die Vereinigten Arabischen Emirate um weitere Investitionen.

Erdogans Gegner vermuten hinter dem Werben um die Petro-Dollars eine langfristig angelegte Strategie: Der gewendete Fundamentalist Erdogan arbeite auf eine Islamisierung der Türkei hin. Dabei sei ihm der wachsende Einfluss arabischer Investoren hoch willkommen, argwöhnen die Kritiker des Premiers.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%