Umweltkatastrophe
China: Millionen Menschen ohne Wasser

Nach der globalen Wirtschaftskrise erreicht China nun noch eine verheerende Wasserkrise. Im Kampf gegen die schlimmste Dürre seit einem halben Jahrhundert hat die Regierung in Peking kurzfristig fast 10 Mrd. Euro für die betroffenen Provinzen in Nord-und Zentralchina bereitgestellt. Dort werden schwere Ernteeinbrüche erwartet. 4,4 Mio. Menschen sind ohne Trinkwasser. In der Landwirtschaft leiden die Tiere.

PEKING. Insgesamt sind in 15 Provinzen mehr als zehn Millionen Hektar Land und zwei Millionen Stück Vieh ernsthaft bedroht. Peking versucht inzwischen auch mit Hilfe von Chemikalien künstlich Regen zu erzeugen. Außerdem sei geplant, Wasser aus dem Gelben Fluss und dem Jangtse kurzfristig umzuleiten, um der Trockenheit Einhalt zu gebieten, berichteten chinesischen Medien.

In Peking und in den betroffenen Provinzen hat es seit mehr als 100 Tagen nicht mehr geregnet. Besserung ist nach Auskunft des Nationalen Wetterzentrums nicht in Sicht. Zwar könne in den kommenden Wochen in den stark gefährdeten Getreideregionen Hebei, Henan und Anhui wieder etwas Regen fallen, so Direktor Xiao Ziniu. Aber der Niederschlag werde weiter viel geringer ausfallen als üblich. Am Samstag wurden nach Angaben des staatlichen meteorologischen Instituts fast 3000 Geschosse mit Chemikalien abgefeuert. Die Folge waren jedoch nur leichte Regenfälle.

Zuvor war bereits der Notstand ausgerufen worden. Die Lage sei in eigenen Gegenden bereits "sehr ernst", erklärte Landwirtschaftsminister Sun Zhengcai. Viele Flüsse sind seit Monaten ausgetrocknet, die meisten Reservoirs sind kaum noch gefüllt. Rund 40 Prozent der Getreideanbaufläche Chinas sind bislang betroffen.

Experten erwarten Ernteausfälle von bis zu fünf Prozent. Eine Hungersnot muss die Volksrepublik aber nicht fürchten, da Peking Getreidereserven von 60 Mio. Tonnen - das entspricht einer halben Jahresernte - angelegt hat. China ist der größte Weizenproduzent der Welt.

Für Peking verschärft sich die wirtschaftliche Lage mit der Dürre jedoch weiter. Die Versorgung mit Wasser sei nicht nur wichtig mit Blick auf die Nahrungslage, sagte gestern Chinas Premier Wen Jiabao, der die Krisenregionen besucht hat. Die Landwirtschaft spiele auch eine zentrale Rolle im Kampf gegen den globalen Abschwung.

Peking hatte angekündigt, im Kampf gegen die Wirtschaftkrise die ländlichen Regionen stärker fördern zu wollen, um dort den Konsum anzukurbeln. Damit sollen die Einbrüche bei den Exporten ausgeglichen werden. Mit der Wasserkrise werde es nun aber sehr schwer, "die Einkommen auf dem Land zu erhöhen und die ländlichen Absatzmärkte auszuweiten", heißt es warnend bei der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua. Zumal Chinas Dörfer schon vor neuen Belastungen stehen, da rund 20 Mio. Wanderarbeiter durch die Wirtschaftskrise bereits ihren Arbeitsplatz verloren haben und nach Hause zurückkehren.

Chinas Norden leidet traditionell unter starker Trockenheit. Seit 1949 hat sich der Wasserverbrauch in China verfünffacht, in den vergangenen zehn Jahren haben sich die Wüsten in Nordchina jedes Jahr um 3700 Quadratkilometer ausgedehnt. Doch diesmal ist die Dürreperiode ungewöhnlich lang. Inzwischen sollen 15 chinesische Provinzen betroffen sein, wurde am Wochenende gemeldet. In der mit 100 Mio. Einwohnern bevölkerungsreichsten Provinz Henan, die rund ein Drittel von Chinas Getreideproduktion liefert, ist bereits mehr als die Hälfte der Ernte gefährdet.

Fachleute warnen China schon seit Jahren vor einer drohenden Wasserkrise. Erst vor wenigen Wochen hatte die Weltbank schnelle Reformen von der Regierung in Peking gefordert. Der Wasserpreis in China sei viel zu billig, es gebe keine Anreize zum Wassersparen und für den Einsatz entsprechender Technologien. Auch der Kampf gegen die Wasserverschmutzung müsse verstärkt werden. China stehe vor einer "schweren Krise durch Wassermangel", so Weltbankexperte Jian Xie.

Auch bei der Umweltstiftung World Wide Fund for Nature (WWF) wird neben der zunehmenden Bodenerosion die enorme Wasserverschwendung in China als Grund für die Dürre gesehen. "Obwohl China zu den wasserreichsten Ländern der Erde gehört, wird das Süßwasser immer knapper und wird bald hunderte Millionen Menschen in ihrer Existenz bedrohen", so Süßwasserexperte Martin Geiger.

Scharf kritisiert worden war auch im vergangenen Jahr von Umweltschützern, dass Peking für die Olympischen Spiele Wasser aus den nun leidenden trockenen Nachbarprovinzen in die Hauptstadt umleiten wollte. Entsprechend umstritten ist zudem das Mega-Projekt, mit dem Wasser des Jangtse-Flusses über ein mehr als 1200 Kilometer langes Kanalsystem von Südchina nach Norden umgeleitet werden soll.

Peking hat erst vor wenigen Wochen angekündigt, dieses Projekt mit Milliarden schneller voranzutreiben. Eine Lösung für Chinas Wasserprobleme sei die Mega-Pipeline aber nicht, so Experten. "Mehr Nachschub zu besorgen, ist nicht die Antwort", sagt Grainne Ryder von der kanadischen Umweltgruppe Probe International, die Chinas Wasserpolitik untersucht hat. Ändere China nicht seinen Umgang mit der Ressource Wasser, drohe dem Reich der Mitte ein verheerendes Desaster.

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