UN-Hilfswerk
Ein Viertel der Syrer ist auf der Flucht

In einem Interview wettert Syriens Präsident gegen den türkischen Ministerpräsidenten und meldet sich so zurück. Unterdessen befindet sich wohl ein Viertel der Syrer auf der Flucht und vier Journalisten wurden entführt.
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Internationale Flüchtlingsorganisationen schlagen Alarm: Die Zahl der Notleidenden in Syrien wächst dramatisch an und liegt inzwischen bei rund vier Millionen, wie eine Sprecherin des Flüchtlingskommissariat UNHCR am Freitag in Beirut sagte. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) warnte vor einer Katastrophe. Syriens Präsident Baschar al-Assad gab derweil türkischen Medien ein seltenes Interview - wenige Tage nachdem Oppositionelle über seinen Tod spekuliert hatten.

Der syrische Machthaber griff darin den türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan mit scharfen Worten an. Erdogan gebe vor, Lösungen im Syrienkonflikt vorzuschlagen, und unterstütze gleichzeitig bewaffnete Gruppen, sagte Assad in dem am Freitag ausgestrahlten Interview des türkischen Fernsehsenders Ulusal. Die Türkei statte die Assad-feindlichen Milizen mit Waffen aus, biete ihnen medizinische und sonstige Hilfe an und schicke sie dann nach Syrien.

Weiterhin hat Baschar al-Assad vor einem Flächenbrand in Nahost gewarnt, sollte seine Regierung stürzen. Die Folge einer solchen Machtübernahme durch "Terroristen" wäre ein "Domino-Effekt", der die gesamte Region "für viele Jahre, sogar Jahrzehnte" destabilisieren würde, sagte Assad in dem am Freitag von der syrischen Präsidentschaft auf ihrer Seite beim Online-Netzwerk Facebook veröffentlichten Gespräch mit dem TV-Sender Ulusal und der Zeitung Aydinlik.

In bereits zuvor veröffentlichten Passagen des Interviews spricht Assad zudem der Arabischen Liga die Legitimität ab. "Der Arabischen Liga mangelt es an Legitimität." Die Liga repräsentiere die arabischen Staaten, aber nicht die arabischen Völker, sagte Assad. Syriens Mitgliedschaft wurde im November 2011 von der Organisation suspendiert. Ende März lud die Arabische Liga erstmals die syrische Opposition als legitime Vertreterin Syriens ein.

Russlands Präsident Wladimir Putin forderte einen Stopp aller Waffenlieferungen an die syrische Opposition. In einem am Freitag veröffentlichten Interview der ARD verwies er auf einen Zeitungsbericht, nach dem die Oppositionstruppen im syrischen Bürgerkrieg in letzter Zeit mit 3500 Tonnen Munition und Rüstungsgütern versorgt worden sind. „Das muss gestoppt werden“, sagte er kurz vor seinem Deutschland-Besuch. „Es gibt doch völkerrechtliche Normen, nach deren Maßgabe Waffenlieferungen an die Gruppierungen, die die Situation in dem einen oder dem anderem Land auf bewaffnetem Wege destabilisieren wollen, unzulässig sind.“

Die russischen Waffenlieferungen an das Regime von Assad verteidigte Putin dagegen: „Es gibt keine Verbote für Waffenlieferungen an die amtierenden legitimen Regierungen.“ Russland zählt zu den wichtigsten Waffenlieferanten des Assad-Regimes.

Nach UNHCR-Angaben sind in den Nachbarländern Syriens und in Ägypten inzwischen mehr als 1,2 Millionen syrische Flüchtlinge registriert. Damit wäre inzwischen mindestens ein Viertel von gut 20 Millionen Syrern, die zuletzt im Land lebten, auf der Flucht. In Syrien befinden sie sich vielerorts in Lebensgefahr - denn die Kämpfe dauerten vor allem im Großraum Damaskus auch am Freitag mit unverminderter Heftigkeit an. Bis zum Mittag kamen nach Angaben von Aktivisten mindestens 21 Menschen ums Leben, am Vortag waren es mehr als 150. Den Helfern fehlt es indes weiter an finanziellen Mitteln. Von den benötigten Geldern in Höhe von rund 800 000 Euro sei erst ein knappes Drittel eingegangen, resümierte die UNHCR noch Mitte März.

Dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz zufolge können viele notleidende Syrer inzwischen nur noch durch internationale Hilfslieferungen überleben. „Das Ausbleiben solch humanitärer Unterstützung könnte für einige Hunderttausend Menschen quer durch Syrien katastrophale Folgen haben“, warnte der für Nothilfeoperationen in dem Land zuständige IKRK-Vertreter Jeroen Carrin.

Unterdessen wurde bekannt, dass vier italienische Journalisten in Nordsyrien entführt wurden. Dies bestätigte das Außenministerium in Rom nach Angaben der Nachrichtenagentur Ansa. Es sei ein Krisenstab eingerichtet worden. Außerdem sei Kontakt zu den Familien der Entführten aufgenommen worden. Einzelheiten über das Kidnapping waren zunächst nicht bekannt.

Immer wieder werden Journalisten im syrischen Bürgerkrieg attackiert. Erst kürzlich war ein Wagen mit ARD-Reporter Jörg Armbruster (65) im nordsyrischen Aleppo beschossen worden. Scharfschützen hätten am Karfreitag auf den fahrenden Kleinbus mit fünf Menschen an Bord vom Dach eines Hauses aus gefeuert, sagte ein Sprecher des Südwestrundfunks (SWR). Armbruster war nach der Notoperation mit einem Krankenwagen an die türkische Grenze gefahren worden. Inzwischen ist er wieder in Deutschland.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur
Agentur
afp 
AFP news agency (Agence France-Presse) / Nachrichtenagentur

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  • unterschreib ich.
    Den meisten der Rebellen ist die Vernichtung des
    Landes und der Menschen scheißegal.
    Hauptsache es macht Bumm und blutet schön.
    Meine Befürchtung..das unsere politischen
    Dumpfbacken die hier herholen.
    Wir sammeln regelrecht die Problemfälle ein und
    nennen sie dann Fachkräfte.

  • Ich kann das Wort Rebellen nicht mehr hoeren. Ein Grossteil der dort kaempfenden sind klar Soeldner und Terroristen von der Willigen gnaden. Bezahlt, geschult und ausgeruestet von immer den Selben Kriegstreibern. Warum die Medien noch immer das Lied der demokratischen Rebellen singen ist mir anhand der bekannten Tatsachen voellig schleierhaft.

  • Tja, die Freunde der Rebellen geben Geld für "3500 Tonnen Munition und Rüstungsgütern", haben aber kein Geld für die dortige Bevölkerung. Verlogene Bande

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