Unabhängigkeit Wenn selbst die Toten gehen

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„Aber Hauptsache, er kommt heim“, sagt die Witwe. Dabei ist „heim“ ein merkwürdiges Wort hier und in diesen Tagen: Sie und ihr Mann sind in Pristina geboren, hier zur Schule gegangen, haben die Besetzung durch die Truppen Mussolinis erlebt und hier gearbeitet – bis 1999. „Da sind wir wie Tiere vertrieben worden“, erzählt die Frau. So ist die neue Heimat eine schäbige Hütte in einem von serbischen Kosovo-Flüchtlingen noch immer bewohnten Vorort Belgrads. „Doch ist es wenigstens Serbien, und wir müssen keine Angst mehr haben“, stimmen die drei Söhne ihrer Mutter zu. „Hier können sich Serben ja ab heute ihres Lebens nicht mehr sicher sein.“

Das scheinen auch die Serben so zu sehen, die weiter nördlich in der zwischen Albanern und Serben geteilten Stadt Mitrovica leben und die jetzt Stacheldrahtrollen schleppen, alte Zäune und hölzerne Paletten. Sie bauen Barrikaden auf den Brücken, die über den Ibar-Fluss führen ins Albaner-Viertel. Das Fernsehen überträgt diese Bilder in die Hauptstadt Pristina. Die Serben nehmen also die Unabhängigkeit nicht hin, nun droht das Drama einer weiteren Teilung. Doch niemand schenkt in diesem Moment diesen Aufnahmen Beachtung.

Alle schauen nur gebannt auf die Bildschirme, die das Geschehen aus dem Parlament zeigen. Und als Premierminister Hashim Thaci um genau 15.36 Uhr ausruft: „Lassen Sie mich nun die Unabhängigkeit des Kosovos ausrufen: Wir sind stolz, wir sind unabhängig, und wir sind frei.“ Da bricht ohrenbetäubender Jubel los. Die in dichten Trauben bis hoch zum Abgeordnetenhaus stehenden Menschen fassen sich an den Händen und tanzen ausgelassen.

„Wir sind endlich frei“, herzt ein zahnloser Alter eine junge Studentin, und sie legen auf dem Asphalt eine flotte Sohle hin. Junge Männer skandieren: „Nieder mit Belgrad, Tod Serbien.“ Und andere rufen immer lauter: „Pavaresia, Pavaresia!“ Unabhängigkeit.

Im hölzernen Parlamentsrund geht es etwas sachlicher zu: Die traditionelle Albaner-Fahne, die die UCK-Freischärler mit in die Schlachten trugen, ist seit heute tabu. Denn das neue, das unabhängige, das freie Kosovo soll nun beweisen, dass es ein multinationaler Staat aus Albanern, Serben, Bosniaken, Roma, Türken, Ägyptern und Ashkali ist. Deshalb müssen die an Albanien erinnernden Staatssymbole weg – vor allem die rot-schwarzen Fahnen mit dem Doppeladler.

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