Unabhängigkeit
Wenn selbst die Toten gehen

In Pristinas Innenstadt herrscht Feierstimmung, die Bewohner lassen ihrer Freude durch Raketen, Hupkonzerte und lauter Musik freien Lauf. Doch die Emotionen könnten unterschiedlicher nicht sein: Während die einen die Unabhängigkeitserklärung des Kosovos feiern, graben die anderen ihre Verwandten auf dem Friedhof aus – ein Besuch in Pristina.

PRISTINA. Sie graben gegen die Unabhängigkeit und gegen die Uhr. Je näher die Stunde rückt, desto schwerer fällt es den Arbeitern, den Friedhofsboden auszuheben. Mit Spitzhacken und Spaten versuchen die Serben, ihre Toten zu retten, ihre in Pristina beerdigten Verwandten auszubuddeln und sie nach Serbien zu bringen – während die albanischen Kosovaren schon am Morgen ausgelassen ihre in wenigen Stunden neu gewonnene Unabhängigkeit feiern.

Die Grube vor dem zerschlagenen schwarzpolierten Grabstein mit dem matt eingravierten Bild eines alten Mannes mit Hut wird immer tiefer. Um die zwei Männer, die sich bis zum Sarg vorschaufeln, steht eine gebrochene Familie: „Slobodan Ivanovic 1932 - 1999“ lässt sich aus der kyrillischen Schrift noch erahnen, vor der seine Witwe mit ihren drei Söhnen ausharrt. Sie sind extra aus Belgrad nach Pristina gekommen, um ihren Mann und Vater heimzuholen, den toten Serben heim nach Serbien.

„Hier weiß man ja nie, was sie ihm sogar noch nach dem Tod antun“, sagt die Frau auf dem geschändeten Friedhof mit seinen umgestürzten Kreuzen und zerschlagenen Grabsteinen. 42 lange Jahre sei der Schumacher ihr ein guter Ehemann gewesen, bis 1999 der herzschwache Mann bei nächtlichen Bombardements der Nato-Flieger auf die Stellungen serbischer Truppen einem Infarkt erlag. Den Exodus seiner Lieben nach dem Sieg der dank Nato-Hilfe erfolgreichen kosovo-albanischen Untergrundkämpfer der UCK hat Slobodan Ivanovic nicht mehr mitbekommen: Nach der Rückkehr der von den Serben vertriebenen Albaner mussten die Serben aus Pristina über Nacht fliehen. Bis heute traut sich kein Serbe in die Hauptstadt der Provinz, die sich gestern endgültig für unabhängig erklärt hat.

Kommen dürfen die Serben heute nur noch, um ihre Toten zu holen. Und dass die Ivanovics es ausgerechnet am Tag der Unabhängigkeit tun, ist Schicksal und Zufall: Niemand habe je wissen können, dass ausgerechnet an diesem Sonntag die bisher formal noch zu Serbien gehörende Provinz ihre Loslösung feiert, sagt die Witwe.

Und so ist es ein bizarres Bild: Während in Pristinas Innenstadt Raketen gezündet werden, Freudenmusik aus Hunderten Lautsprechern dröhnt und Autokolonnen mit Hupkonzerten stolz durch die Stadt fahren, wird die Totenstille auf dem Friedhof durch schrammende Spatenstiche im frostig-knarrenden Sand durchbrochen.

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