Unerwarteter Wahlausgang
Paukenschlag für Kanadas politisches System

Kanada gilt als stabil- so stabil, dass mancher es schon fast langweilig findet. Das galt auch für die Politik. Doch auf einmal hat die konservative Regierung die Mehrheit - die sonst starken Liberalen sind abgeschlagen.
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Ottawa/New York Kanada war immer berechenbar: die Natur urwüchsig, die Wirtschaft gesund, die Menschen offen und im Parlament in Ottawa regierten Konservative oder Liberale, zumeist letztere. Seit dieser Woche ist alles anders. Die Parlamentswahl am Montag hat das zweitgrößte Land der Erde kräftig durcheinandergeschüttelt: Es gibt wieder eine konservative Regierung, aber diesmal mit absoluter Mehrheit. Die Liberalen - älteste Partei des Landes - wurden an den Rand gedrängt. Die separatistischen Frankokanadier versinken in der Bedeutungslosigkeit. Und ganz links überholt eine Partei und wird zweitstärkste Kraft - was ihr vor Wochen noch niemand zugetraut hätte.

Die Fakten: Der seit 2006 regierende Premier Stephen Harper hat es im dritten Anlauf geschafft. Mit 167 Sitzen - 155 sind für die absolute Mehrheit nötig - muss er nicht länger vor jeder Abstimmung bei den anderen Parteien um Zustimmung buhlen. Das wollten auch die Liberalen schaffen, die sich als "Kanadas natürliche Regierungspartei" betrachten. Keine Partei ist älter, keine ist seit der Staatsgründung 1867 dabei, keine hat öfter regiert. Doch von 77 Sitzen sind nach der Wahlnacht nur noch 34 übrig. Ein historisches Debakel für die alte Partei, die meistens erste, schlimmstenfalls zweite nach einer Wahl war.

Noch dramatischer hat der Bloc Québécois verloren - 45 von 49 Sitzen. Damit ist die Separatistenpartei der französischsprachigen Kanadier in die Bedeutungslosigkeit abgestürzt. Vor allem in Quebec, dem Stammland der Separatisten, stürmte die Neue Demokratische Partei (NDP) nach vorn. Nach einem beispiellosen Durchmarsch brachte es die linksradikale Partei auf 102 Sitze - dreimal so viel wie die auf Platz drei verdrängten und kräftig gedemütigten Liberalen.

Trotz ihres historischen Namens sind die Liberalen in Kanada eher sozialdemokratisch. Die NDP hat hingegen klar linksradikale Ziele bis zur Legalisierung von Marihuana. Es scheint, als wollten die Kanadier diesmal klare Fronten: Bei den Wahlen 2004, 2006 und 2008 hatten sie ihre Stimmen mehr oder weniger gleichmäßig auf die vier großen Parteien verteilt - und somit für eine Minderheitsregierung nach der anderen gesorgt. Jetzt sind die Konservativen und die Linksradikalen stark, die Liberalen nur noch eine Randgruppe. Erstmals zieht auch die 1983 gegründete Grüne Partei ins Parlament ein - allerdings nur mit einer Abgeordneten.

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