Unfröhliches Durcheinander
Die Schweiz zentralisiert ihr Bildungssystem

Die Schweiz stimmt am 21. Mai darüber ab, ob sie ihr Bildungssystem stärker zentralisieren wird. Das Nachbarland schlägt damit den entgegengesetzen Weg zu Deutschland ein, wo man im Zuge der Föderalismusdebatte den Einfluss des Bundes bei der Bildung zu Gunsten der Länder zurückdrängen will.

ZÜRICH. Ja, sie wird dafür stimmen. Da ist sich Esther Meili ganz sicher. Die blonde Lehrerin mit dem breiten Lachen, die im Konferenzzimmer der kleinen Gemeindeschule in einem Zürcher Vorort an dem Holztisch sitzt, vertritt die Meinung der meisten Eidgenossen. Die Schweiz stimmt am 21. Mai darüber ab, ob sie ihr Bildungssystem stärker zentralisieren wird. Lautstarke Gegenstimmen sind nicht zu hören. Alles sieht danach aus, als würden sich die Schweizer auf den genau entgegengesetzten Weg wie die Deutschen begeben, die als Ergebnis ihrer Föderalismusdebatte bei der Bildung den Einfluss des Bundes zu Gunsten der Länder zurückdrängen wollen.

„Bildungsraum Schweiz“ haben die Eidgenossen ihr Projekt getauft. Es geht ihnen, wie es der sozialdemokratische Schulpolitiker Hans Zbinden beschreibt, darum „aus einer Ansammlung von 26 selbstbezogenen Bildungswesen“ ein geschlossenes System zu machen. Die Wesen – das sind in diesem Fall die Kantone mit oft nicht mehr als 30 000 Einwohnern, die ihre Schulen selber führen. Damit aber nicht genug: Über den Kantonen thront eine Erziehungsdirektorenkonferenz, die nur Empfehlungen aussprechen kann. Ob sich die Schulpolitiker in den Kantonen daran halten, steht auf einem anderen Blatt. Unterhalb der Länderebene reden außerdem auch die Gemeinden in Lehrpläne und Ferienzeiten hinein, so dass ein unfröhliches Durcheinander herrscht.

Leidtragende sind die Schüler: Wechseln sie bei einem Umzug die Schule, fehlen ihnen Fremdsprachenkenntnisse, die anderswo gefordert werden. Oder sie geraten von einem System mit Blockunterricht in ein Schulmodell, wo sich der Unterricht über den ganzen Tag verstreut.

Zu leiden haben auch die Lehrer: Während in Kanton Genf eine professionelle Schulaufsicht die Lehrkräfte beurteilt, herrscht in Zürich Schweizer Basisdemokratie. Dort werden in der Gemeindeversammlung die Schulpfleger gewählt, die über Wohl und Wehe der Schule und die berufliche Zukunft der Lehrer entscheiden. Lehrerin Meili hat es mit Kranführern, Bahnhofsvorständen und Frisören zu tun. „Das sind unsere Vorgesetzten“ sagt sie und unterdrückt ein Stöhnen. Stattdessen erzählt sie von der Einführung des integrativen Schulsystems in Zürich. Auch Sonderschüler werden neuerdings in den normalen Schulen aufgenommen. Das System wurde mit viel Aufwand erklärt, die Lehrer durften Beispiele in Dänemark studieren und Filme aus dem Pisa-Wunderland Finnland betrachten. Als das Modell angelaufen war, stellte Meili fest, dass nebenan im Kanton Obwalden die integrative Schule seit zehn Jahren funktioniert. Zwischen den kantonalen Schulpolitikern war nur nie darüber gesprochen worden.

Die ungesunde Mischung aus Basisdemokratie und Urföderalismus ist Politikern wie Zbinden schon lange ein Dorn im Auge. Vor 17 Jahren startete er den ersten Anlauf für eine Reform. „Damals war eine Änderung undenkbar“, sagt Norbert King vom Staatssekretariat für Bildung in Bern, der höchsten Bundesbehörde, die für Bildung zuständig ist. Inzwischen aber ist der Druck gewachsen, weil sich auch die Eidgenossen dem Zwang zu mehr Mobilität ausgesetzt sehen. Die neue Verfassung sieht daher vor, dass etwa das Schuleintrittsalter, die Dauer der Grundschule, die Anerkennung der Zeugnisse und der Fremdsprachenunterricht in den ersten Klassen einheitlich geregelt werden sollen. Falls die Kantone das nicht selbst schaffen, behält der Bund sich vor, die Sache in die Hand zu nehmen. Mehr ist nicht drin, aber „die Richtung stimmt“, sagt Zbinden und ist, ergänzt King, „wenn sie so wollen eine andere als in Deutschland.“

Oliver Stock
Oliver Stock
Handelsblatt / Stellvertretender Chefredakteur
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%