Ungarn
Budapester Juden erhalten späte Entschädigung

63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erhalten nun auch die Budapester Juden Entschädigung für unter den Nationalsozialisten erlittenes Unrecht. Bislang hatten nur jüdische Holocaust-Überlebende aus Osteuropa, die in den Westen emigriert waren Entschädigungszahlungen erhalten.

BUDAPEST. Die Bundesregierung stellt 12,3 Mill. Euro für den sogenannten Budapest Fonds der Claims Conference zur Verfügung. Die Organsiation bemüht sich seit 1951 nicht nur um Wiedergutmachung für jüdische Nazi-Opfer, sondern verwaltet auch erbenloses jüdisches Vermögen. Damit erhalten nun auch die Budapester Juden 63 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs eine Entschädigung für unter den Nationalsozialisten erlittenes Unrecht. Sie gehört zu jener Gruppe von Holocaust-Überlebenden, die bislang keinerlei Zahlungen aus einem der großen Entschädigungsprogramme bekommen haben.

"Wir haben inzwischen fast 4 000 Schecks übersandt", sagt Georg Heuberger, der als Repräsentant der Claims Conference in Deutschland die Vereinbarung mit dem Bundesfinanzministerium ausgehandelt hat. Danach sollen etwa 6 500 Budapester Juden Einmalzahlungen in Höhe von je 1 900 Euro erhalten. In keinem von der deutschen Wehrmacht besetzten Land sei der Holocaust effektiver und industrieller organisiert gewesen als in Ungarn, sagt Heuberger. "Die Anerkennung des Leids der Budapester Juden ist deshalb eine bedeutende, längst überfällige Geste an die Überlebenden."

In Zusammenarbeit mit den Jüdischen Gemeinden in Ungarn und dem dortigen Verband der Holocaust-Überlebenden hat die Claims Conference bislang etwa 25 000 Anträge geprüft und dabei knapp 6 000 Berechtigte ermittelt. Peter Feldmajer, Präsident der Jüdischen Gemeinden, spricht von einer "spürbaren Unterstützung für Tausende von Überlebenden".

Bislang hatten nur jüdische Holocaust-Überlebende aus Osteuropa, die in den Westen emigriert waren, einmalige Entschädigungen in Höhe von 5 000 Mark beziehungsweise 2 500 Euro erhalten. Grundlage dafür war der 1980 eingerichtete "Hardship-Fund", den die Bundesregierung mit den notwendigen Finanzmitteln ausstatte. Offenbar hielt man es in den Zeiten des Kommunismus nicht für sinnvoll, Entschädigungen hinter den "Eisernen Vorhang" zu schicken, glaubt Heuberger: "Das aber ist angesichts des seit 1989 zusammenwachsenden Europas nicht mehr angemessen."

Die Budapester Juden gehören auch nicht zu jener Gruppe von osteuropäischen NS-Verfolgten, die seit 1998 monatliche Zahlungen zwischen 178 und 216 Euro erhalten. Diese Zahlungen aus dem "Central and Eastern European Fund", der ebenfalls zwischen der Bundesregierung und der Claims Conference ausgehandelt worden war, erhalten nur jüdische Überlebende, die mindestens sechs Monate in einem Konzentrationslager festgehalten wurden oder mindestens 18 Monate in einem der jüdischen Ghettos leben mussten, die überall in Osteuropa eingerichtet worden waren.

Diese Kriterien gelten aber nicht für diejenigen Budapester Juden, die jetzt einmalige Entschädigungen erhalten - was nicht bedeutet, dass nicht auch sie brutalen Repressionen ausgesetzt waren. Auch sie waren in Konzentrationslagern inhaftiert, aber eben weniger als sechs Monate, sie wurden in Arbeitsbataillone der Wehrmacht eingegliedert oder in nicht den Deutschen unterstehenden Lagern festgehalten, sie wohnten im Budapester Ghetto, das aber nicht hermetisch abgeriegelt war wie etwa das in Warschau.

Die deutsche Besetzung Ungarns hatte am 19. März 1944 begonnen. Einen Tag danach kam der später in Israel zum Tode verurteilte und hingerichtete Adolf Eichmann nach Budapest, um die Deportation der Juden nach Auschwitz zu organisieren. 440 000 der insgesamt 700 000 ungarischen Juden wurden dort ermordet. Im April 1944 zwangen die Nazis die Budapester Juden, den Davidstern zu tragen und in speziell gekennzeichnete Häuser umzuziehen, wo sie unter unbeschreiblichen Bedingungen leben mussten und ständigen Todesdrohungen ausgesetzt waren. Im Oktober kamen die faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler an die Macht, die bei Pogromen und Massenerschießungen am Donauufer etwa 30 000 Juden ermorden ließen.

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