Ungarn
Ungarns Nationalbank schont Wirtschaft

Nach der überraschenden Rücktrittsankündigung des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany vom Wochenende hat sich die Nationalbank in Budapest gestern gegen eine Zinserhöhung ausgesprochen. Trotz der relativen Ruhe an den Finanzmärkten bleibt die weitere politische Entwicklung in Ungarn derzeit völlig unklar.

WIEN. Nach der überraschenden Rücktrittsankündigung des ungarischen Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsany vom Wochenende hat sich die Nationalbank in Budapest gestern gegen eine Zinserhöhung ausgesprochen. Der Geldmarktausschuss der ungarischen Notenbank ließ den Leitzins unverändert bei 9,5 Prozent. Der Rückzug des Premiers und die damit verbundene politische Instabilität führten am Montag nicht zu dem anfangs noch befürchteten Einbruch des Forints. Die ungarische Landeswährung notierte bis zum Nachmittag nur leicht niedriger bei 300 Forint für einen Euro.

"Der angekündigte Rückzug des Premiers führt zu mehr Unsicherheiten und zusätzlichem Risiko", sagte Nationalbank-Chef Andras Simor nach der Sitzung des Geldmarktausschusses. Um den Forint in dieser Situation zu stärken, habe die Nationalbank tatsächlich überlegt, den Leitzins um einen Prozentpunkt zu erhöhen. Gesamtwirtschaftliche Überlegungen hätten am Ende dann doch zu der Entscheidung geführt, den Zinssatz unverändert zu lassen. Die Volkswirtschaft in Ungarn sei noch stärker als erwartet geschrumpft. Deshalb wäre es für die Unternehmen des Landes eine weitere Zusatzbelastung gewesen, hätte die Notenbank die Kreditkosten hochgesetzt.

Marktbeobachter begründeten die relative Stabilität des Forints am Montag mit geringen Erwartungen der Finanzmärkte an die ungarische Politik. "Der Bewegungsspielraum der sozialistischen Minderheitsregierung von Gyurcsany war sowieso schon gering", sagte Erste-Bank-Volkswirtin Orsolya Nyeste. Der angekündigte Rücktritt verändere zunächst viel daran, dass sich die notwendigen wirtschaftlichen und sozialen Reformen im Moment kaum durchsetzen ließen. Am Ende sei vielleicht sogar eine politische Konstellation möglich, bei der ein Reformer als neuer Ministerpräsident die Veränderungen durchsetzen könnte.

Der scheidende Premier Gyurcsany hatte am Wochenende vorgeschlagen, dass ein neutraler Experte mit fundierter ökonomischer Fachkenntnis und ohne Parteibindung das Amt des Ministerpräsidenten übernehmen sollte. Notenbank-Chef Simor erteilte Spekulationen eine Absage, dass er der gesuchte Nachfolger an der Spitze der Regierung sein könnte. "Ich stehe dafür nicht zur Verfügung", betonte er.

Trotz der relativen Ruhe an den Finanzmärkten bleibt die weitere politische Entwicklung in Ungarn derzeit völlig unklar. Um einen neuen Ministerpräsidenten zu wählen, müsste sich die regierende sozialistische Partei mit einer der kleineren im Budapester Parlament vertretenen Fraktionen auf einen Kandidaten einigen.

Stefan Menzel ist beim Handelsblatt der Spezialist für die Automobilbranche.
Stefan Menzel
Handelsblatt / Korrespondent Automobilindustrie
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