Ungewöhnlich offen
Chinas Führung lässt Politstar Bo Xiali kämpfen

Der Skandal um den Top-Funktionär Bo Xilai hält China seit mehr als einem Jahr in Atem. Vor Gericht darf er ein letztes Mal austeilen: Bo kämpft und schimpft – ein gefährliches Spiel für die Partei.
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JinanIm offenen weißen Hemd steht Bo Xilai vor seinem Richter. Neben dem 1,86 Meter groß gewachsenen Spitzenpolitiker, der sonst alle anderen Chinesen überragt, stehen zwei ungewöhnlich große Polizisten in blauen Uniformhemden. Da wirkt selbst Bo Xilai klein. Sofort wird spekuliert: Soll der mächtige Politiker, der einst unaufhaltsam auf dem Weg in die Parteispitze schien, auf der Anklagebank vielleicht mickrig und unbedeutend aussehen?

Zunächst scheint alles fein orchestriert, doch einer spielt nicht mit: der Angeklagte. Kaum beginnt der Prozess, legt Bo Xilai los. Nacheinander widerspricht er den Anklagepunkten. Das Statement des Zeugen Tang Xiaoling, der ihn bestochen haben will, sei der „hässliche Auftritt einer Person, die ihren eigenen Hals retten will“. Der Geschäftsmann sei ein „Hund“, der ihn ans Messer liefern wolle, um selbst Strafminderung zu bekommen, sagt Bo Xilai. Er habe kein Geld genommen, sondern stets das Wohl des Volkes im Sinn gehabt.

Seine Aussagen werden nicht etwa von Journalisten oder Fernsehkameras in die Öffentlichkeit getragen. Sie sind – zumindest in Auszügen – im offiziellen Protokoll auf der alle paar Minuten aktualisierten Seite des Gerichtes im twitterähnlichen Kurzmitteilungsdienst Weibo zu lesen. Eine ungewöhnliche Offenheit, mit der sich China vielleicht als Rechtsstaat darstellen will – oder die der Führung dient, ihre Entschlossenheit im Kampf gegen Korruption zu demonstrieren.

Der rasante Aufstieg des ambitionierten 64-Jährigen und sein noch schnellerer Fall stehen für einen der schwersten Machtkämpfe in der Partei seit Jahrzehnten. Bo Xilai war wegen seiner Sozialpolitik als Parteichef der 30-Millionen-Metropole Chongqing zum Hoffnungsträger der linken Kräfte aufgestiegen. Dabei hatte er sich mit seinen „roten Kampagnen“ am Gründer der Volksrepublik China und „Großen Vorsitzenden“ Mao Tsetung orientiert. Aber dann packte Anfang vergangenen Jahres sein einstiger Vertrauter Wang Lijun aus – über Korruption und den Giftmord von Bo Xilais Frau Gu Kailai an dem britischen Geschäftsmann Neil Heywood.

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Bo zieht Geständnis zurück

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