Uni-Zeugnis auf dem Abstellgleis
Spaniens MBA-Schulen schließen zur Weltspitze auf

In Spanien wird gern Schule und Arbeit geschwänzt, die Grundbildung steht in der Kritik. Weite Teile des Uni-Systems gelten als unattraktiv – aber iberische Business-Schulen können es mit den weltweit Besten aufnehmen.

MADRID. Die massive Nachfrage treibt die Qualität stetig nach oben: „Wir fordern jedes Jahr mehr“, bestätigt José Ramón Pin, Bildungsexperte an der Kaderschmiede IESE in Barcelona. Das Instituto de Estudios Superiores de la Empresa, kurz IESE genannt, gehört nach Einschätzung von weltweit tätigen Personalberatern neben dem in Madrid ansässigen Instituto de Empresa (IE), Madrid, und der Escuela Superior de Administración y Dirección de Empresas (Esade) in Barcelona zu den international zehn besten Schulen außerhalb der USA. Das ergab kürzlich ein Ranking des Wall Street Journal. Ein Abschluss an einer Business-Schule hat in Spanien einem herkömmlichen Universitätszeugnis längst den Rang abgelaufen. Die an den Hochschulen vermittelte Lehre sei den Unternehmen viel zu theoretisch und generalisierend, behauptet Vicente Boceta, Generalsekretär des in Madrid ansässigen Círculo de Empresarios, ein Zusammenschluss von rund 200 spanischen Unternehmen: „Ein MBA ist für den Aufstieg in die Chefetage unabdingbar.“ Das sieht Rafael Pampillón vom IE ähnlich. Allerdings beobachtet er bereits eine ähnliche Entwicklung wie beim Uni-Abschluss: „Auch mit einem MBA ist es nicht mehr so leicht wie früher, einen Topjob zu bekommen.“

Generell gilt: je jünger der Abschluss erworben wird, desto bes-ser, „zumindest in Spanien“, bedauert Unternehmensvertreter Boceta. Ein Mehr an Lebensjahren kann höchstens durch ein Mehr an Berufserfahrung ausgeglichen werden. Wer dagegen aus einer völlig anderen Berufswelt kommt, hat es in Spanien auch mit einem MBA schwer, sich gegen jüngere Konkurrenz zu behaupten.

Dem wirtschaftlichen Fortkommen des Landes tut das rege Interesse dagegen gut. Boceta spricht von einem „Qualitätsmotor“ für die iberischen Unternehmen. MBA-Absolventen, egal ob in Spanien oder in einem anderen Land ausgebildet, tragen zur Internationalisierung der Wirtschaft entscheidend bei, glauben Experten. Den spanischen Unternehmen, denen der berechtigte Vorwurf anhängt, sie schielten zu einseitig auf lateinamerikanische Märkte, ist das zunehmend wichtig. Dass irgendwann auch Ausländer in wichtigen Managementposten akzeptiert werden – bislang die Ausnahme –, dürfte eine unmittelbare Folge dieser aufgeschlossenen Denkweise sein.

An den iberischen Business-Schulen sind Ausländer längst angekommen. Beispiel IESE, gegründet 1958, noch zu Zeiten der Franco-Diktatur vom katholischen Opus Dei: Der Jahrgang 2003 bis 2005 setzt sich zu 70 Prozent aus Ausländern aus 44 Nationen zusammen, vor allem aus den USA, Deutschland und Großbritannien. Für viele Studenten sind neben der Qualität der Schulen zweifellos auch der Reiz Barcelonas und Madrids sowie die Möglichkeit, Sprachkenntnisse zu erweitern, Gründe, zwei Jahre in Spanien zu verbringen. IESE-Dekan Jordi Ca-nals nennt einen weiteren: Bilanzskandale wie der Fall Enron. Denn die spanischen Business-Schulen legen – nicht zuletzt auf Grund ihrer konfessionellen Wurzeln – viel Wert auf ethisches Bewusstsein ihrer Absolventen. Personalexperten sehen das zunehmend als Plus.

Wie IESE hat auch Esade einen religiösen Hintergrund: Die Schule wurde vom Jesuitenorden gegründet, ebenfalls 1958. Zwei Drittel der Absolventen sind Ausländer. IE ist die jüngste Schule im Dreierbund und konfessionell unabhängig. Gegründet wurde sie 1973 von Akademikern und Unternehmern. Besonders wichtig ist IE die Förderung des Unternehmertums – ein Geist, der Experten zufolge in Spanien zu wünschen übrig lässt: „Die MBA-Schulen müssen kräftig kämpfen“, sagt Boceta. IE tut das durchaus mit Erfolg: Immerhin 15 Prozent der Absolventen machen sich nach dem Abschluss selbstständig.

Silke Kersting
Silke Kersting
Handelsblatt / Korrespondentin
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