Uno-Tribunal
Karadzic brüskiert Uno-Tribunal

Der frühere bosnisch-serbische Führer Radovan Karadzic hat am Montag den Beginn seines Kriegsverbrecherprozesses vor dem Haager Tribunal boykottiert. Der 64-Jährige erschien nicht zur Verhandlung.
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HB DEN HAAG. Er hatte dies bereits vorher angekündigt und damit begründet, er habe nicht genug Zeit zur Vorbereitung erhalten. Karadzic verteidigt sich selbst, einen Anwalt hat er nicht genommen. In einem Brief erklärte er, ihm hätten mindestens zwei Jahre Vorbereitungszeit zugestanden.

Karadzic war während des Bosnienkrieges Anführer der Serben und Oberbefehlshaber der Armee in Bosnien. Er gilt als Verantwortlicher zahlreicher Kriegsverbrechen.

Als besonders grausam bezeichnet die Anklageschrift die 44-monatige Belagerung der bosnischen Hauptstadt Sarajevo, während der rund 10 000 Menschen umgekommen sind und das Massaker von Srebrenica, bei dem im März 1995 rund 7000 muslimische Männer und Jungen umgebracht worden sind. Außerdem ließ Karadicz mehrere bosnische Dörfer überfallen und internierte Nicht-Serben in 20 Lagern, in denen Folter, Misshandlungen und Ermordungen Normalität waren.

Karadzic ist einer der wichtigsten und ranghöchsten Angeklagten des UN-Kriegsverbrechertribunals nach dem ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der allerdings nie verurteilt werden konnte. Er war 2006 während seiner Haft in Den Haag verstorben.

Karadzic verteidigt sich auf eigenen Wunsch selbst. Allerdings steht ihm dabei ein ganzes Team an Experten zur Seite, das von dem amerikanischen Anwalt Peter Robinson geleitet wird. Karadzic hatte während seiner einjährigen Haft immer wieder seine Verachtung für das Kriegsverbrechertribunal gezeigt und hat auch in seinem jüngsten Brief, den Prozess gegen ihn als „unfair“ bezeichnet.

Die Festnahme Karadzics gilt als eine der größten Erfolge des Den Haager Kriegsverbrechertribunals. Kaum wieder zu erkennen war der Serbenführer, als er im Juli vergangenen Jahres in der serbischen Hauptstadt Belgrad festgenommen wurde. Er hatte sich dort eine neue Existenz aufgebaut als Heilpraktiker. Er trug lange, schlohweiße Haare und einen ebensolchen Bart. Auf einer Internetseite pries er seine Dienste an, versprach Heilung von diversen psychischen Krankheiten mit esoterischen Methoden. Karadzic hatte sich so 13 Jahre lang versteckt gehalten. Sein General Ratko Mladic, der ebenfalls wegen Völkermordes in Den Haag angeklagt ist, ist dagegen nach wie vor flüchtig.

Zum Prozessauftakt werden auch einige Überlebende des Massakers von Srebrenica erwartet. Eine Gruppe von rund 160 muslimischen Bosniern ist am Samstag aus Sarajewo abgereist, um dem Prozess in Den Haag beizuwohnen. Das Massaker ist bis heute ständig präsent in Bosnien-Herzegowina. Regelmäßig werden Leichen aus neu entdeckten Massengräbern exhumiert. Rund 5600 Opfer konnten so bisher identifiziert werden.

Der Prozess gegen Radovan Karadzic wird voraussichtlich der letzte des UN-Kriegsverbrechertribunals sein. Die Schließung ist für Ende 2013 geplant.

Ruth Berschens leitet das Korrespondenten-Büro in Brüssel.
Ruth Berschens
Handelsblatt / Büroleiterin Brüssel

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