Unruhen in der Ukraine
Janukowitschs unklare Taktik

Die Menschen rätseln über den Plan des ukrainischen Präsident Erst marschieren schwerbewaffnete Polizisten auf, dann versichert der Innenminister, „der Maidan wird nicht gestürmt“. Zurück bleibt Unsicherheit im Volk.
  • 1

Kiew„Der Wettergott steht nicht auf unserer Seite“, sagt ein älterer Mann auf dem Maidan, dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew und reibt sich immer wieder die Hände. Bei Minus elf Grad, Schnee und einem beißenden Wind hat er vergangene Nacht hier gestanden und mitgeholfen, dass die bedrohlich nahegekommenen Sicherheitskräfte den Platz nicht räumen konnten. Vielmehr zogen sich die in dicke schwarze Overalls vermummten Beamten wieder zurück.

Die Lage in der ukrainischen Hauptstadt Kiew bleibt damit aber weiter angespannt. Vielen prowestlichen Demonstranten und Oppositionspolitikern ist die Taktik von Präsident Viktor Janokowitsch und der Regierung nicht mehr klar: Nachdem in der Nacht auf Mittwoch und am Morgen zum Teil schwerbewaffnete Polizisten und Spezialeinheiten im Zentrum der Stadt aufmarschierten und zunächst versuchten, das besetzte Rathaus und die Zeltlager auf dem Maidan, dem Platz der Unabhängigkeit, zu räumen, zogen sie sich am Mittwochvormittag überraschend wieder zurück. Gleichzeitig erklärte Innenminister Vitali Sachartschenko, dass der Maidan, der zum zentralen Versammlungsort der ukrainischen Protestbewegung geworden ist, nicht geräumt werde. „Ich kann sie alle beruhigen, der Maidan wird nicht gestürmt“.

Oppositionspolitiker wie Boxweltmeister Vitali Klitschko feierten zwar den Rückzug der Sicherheitskräfte, warnten aber zugleich davor, das bereits als ein Sieg gegenüber der Regierung anzusehen. „Die Regierung hat kein Interesse an einem Dialog mit uns. Das hat sich heute Nacht gezeigt“, sagte der Boxweltmeister, der die ganze vergangene Nacht zusammen mit seinem Bruder auf dem Maidan verbracht hat. Auch andere politische Beobachter wollten nicht ausschließen, dass in der kommenden Nacht die Sicherheitskräfte erneut den Versuch unternehmen werden, den Platz zu räumen. Und so riefen die drei Oppositionsführer Arsenij Jatsenjuk, Oleg Tijanibok und Klitschko erneut dazu auf, am Nachmittag und vor allem am Abend zum Maidan zu kommen. Tatsächlich strömten den ganzen Tag über Menschen zum Platz, auf dem sich am späten Nachmittag schon mehr als 10.000 Demonstranten versammelt hatten.

Während viele Menschen auf dem Maidan über die Taktik von Präsident Janukowitsch rätseln, traf der erneut die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton. Sie ist seit Dienstag in Kiew und versucht zwischen Regierung und Regierungsgegnern zu vermitteln. Bislang ist das nicht gelungen und dürfte auch künftig nur wenig Aussicht auf Erfolg haben. Die prowestlichen Demonstranten fordern eine klare Hinwendung zu Europa, zur Europäischen Union. Das Assoziierungabkommen mit der EU, das Janukowitsch in letzter Sekunde nach jahrelangen Verhandlungen doch nicht unterzeichnete, hätte diese Hinwendung zu Europa ermöglicht.

Kommentare zu " Unruhen in der Ukraine: Janukowitschs unklare Taktik"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Wie wäre das: EU und Russland geben diesen unseligen und retrograden Kampf um Macht- und Einflussshären in Ost- und Zentraleuropa auf und suchen Wege zur friedlichen Kooperation in den kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen. Putin wäre da sicherlich kein Hindernis.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%