Unruhen in Nordafrika
Die Kämpfe in Libyen gehen uns alle an

Diktator Muammar el Gaddafi greift sein Volk mit Söldnern und Kampfjets an. Der Westen kann dabei nicht einfach wegschauen. Seine Aufgabe ist es jetzt schnell zu handeln. Ein Kommentar.
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Die Kämpfe in Libyen rücken immer näher an uns heran. Je mehr Libyens Diktator Muammard el Gaddafi den Aufstand seines Volkes blutig niederkartätschen lässt, desto weniger kann der Westen nur mit Worten reagieren. Die Frage eines militärischen Eingreifens indes ist eine äußerst schwierige Entscheidung. Verständlich, dass US-Präsident Barack Obama abwartet. Zu abschreckend ist das Erbe seines Vorgängers George W. Bush. Der hatte fast im Alleingang den irakischen Diktator Saddam Hussein zwar vertrieben. Aber der Irak versank danach in einem innerislamischen Religionskonflikt und in bürgerkriegsähnlichen Zuständen. Zur Demokratie findet er nur mühsam.

Der größte Fehler, den Obama oder andere nun begehen könnten, wäre angesichts der dramatischen Bilder immer neuer Luftangriffe gegen libysche Zivilisten ein erneutes politisches und militärisches Abenteuer zu wagen. Das aber darf keineswegs dazu verleiten, nur empörte Erklärungen abzugeben.

Wer es mit dem Schutz der Menschenrechte ernst meint, muss handeln. Vor allem die Europäer, vor deren Haustür sich die blutigen Kämpfe abspielen, dürfen nicht mehr länger taktieren. Sie können auch nicht mehr abwartend über den Großen Teich schauen und auf Entscheidungen in Washington warten. Als Erstes müssen die EU-Staaten an den Grenzen zu Libyen alles tun, um die inzwischen schon über 140 000 Flüchtlinge zu versorgen. Wer nicht Gaddafis Drohungen eines „schwarzen Europas“ wahrhaben will, also eine gewaltige Fluchtwelle von Afrika gen Norden, muss alles dafür tun, damit die Menschen dort bleiben können. Parallel dazu müssen schnell Entscheidungen getroffen werden, wie Gaddafi in den Arm gefallen werden kann. Wie lange wollen wir noch tatenlos zusehen, wie er sich wieder an die Macht zurückkämpft? Soll er etwa seine offenbar noch vorhandenen Reste von Giftgas einsetzen?

Auch um eine Entscheidung über einen koordinierten, international abgestimmten Militäreinsatz kann sich niemand lange herumdrücken. Gaddafi ist zum Äußersten entschlossen, sein Gerede vom Kampf bis zum letzten Blutstropfen leider keine leere Drohung. Und deshalb muss die Weltgemeinschaft zunächst schnell eine Flugverbotszone über Libyen verhängen und durchsetzen.

Das ist kein so leichtes Unterfangen. Vielmehr ist dies ein hochkomplizierter und gefährlicher Eingriff: Gaddafi wird wie zuvor Saddam westliche Jets, die die Flugverbotszone überwachen sollen, immer wieder mit seinen Radar- und Luftabwehrsystemen anpeilen. Jeder dieser „Radar log ons“ führt dazu, dass die Piloten und ihre Leitzentralen binnen kürzester Zeit entscheiden müssen, ob sie als Antwort darauf die Radarstellungen oder Abwehrsysteme angreifen sollen. Noch schwieriger aber ist die politische Entscheidung, ob eine solche Flugverbotszone durchgesetzt wird. Denn Grundlage dafür muss in jedem Fall ein Uno-Mandat sein.

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Kommentare zu " Unruhen in Nordafrika: Die Kämpfe in Libyen gehen uns alle an"

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  • Ich gebe Ihnen in Bezug auf Libyen ja vollkommen Recht, aber an einer Stelle traue ich meinen Augen nicht: Wo, bitte, liegt genau der Unterschied zwischen Gaddafi und Saddam? Warum war es falsch, "einseitig" gegen Saddam vorzugehen?
    Saddam Hussein steht in der Reihe der blutrünstigsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts ziemlich weit vorne - lange vor Gaddafi, der, man entschuldige den Zynismus, noch lange Zivilisten totbomben muss, um auch nur in die Nähe der Schreckensbilanz des Baath-Regimes im Irak zu kommen.

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